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Überwundene Grenzen

  • Autorenbild: Ted Mönnig
    Ted Mönnig
  • 22. Aug. 2022
  • 13 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 23. Aug. 2022


Immer noch Mittwoch


In Daun habe ich über eine Stunde Aufenthalt, bis ich in den 555er Bus zum Wittlicher Bahnhof steigen kann. Das gibt mir Gelegenheit zum Gang in eine nahegelegene Bäckerei, um mich etwas zu stärken. Da auch heute die Sonne nicht mein Freund sein will, verstecke ich mich im Schatten eines Vordachs. Nach zwei Tassen belebenden Kaffee’s steuere ich gemächlich wieder den Busbahnhof an und wundere mich, dass die elektronische Anzeigetafel meine Verbindung nicht ausweist. Ein Kontrollblick in die App und auf einen der altmodischen, aber immer noch zuverlässigen analogen Fahrpläne aus Papier bestätigt mir jedoch, dass der Bus heute verkehren muss. Und außer mir gibt es noch andere Fahrgäste, die etwas ratlos den Kopf in den Nacken legen, weil sie offensichtlich die gleichen Befürchtungen haben wie ich. So kann ich gerade noch vor einem älteren Mann zurück weichen, der wie ein Derwisch auf mich los geht und in breitesten mittelrheinischen Dialekt blafft:

„Mer wolle nach Wittlich!“

Weil er mir dabei einen durchdringenden Blick zuwirft, fühle ich mich angesprochen und antworte pflichtbewusst:

„Ja, auf den Bus warte ich auch.“

Damit hat sich das Gespräch erledigt, und wie aufs Stichwort kommt wenige Augenblicke später das ersehnte Gefährt um die Ecke gebogen. Die Reise kann also weiter gehen.


Die Fahrweise des Busfahrers rabiat zu nennen wäre eine schamlose Untertreibung. Als hätte eine unbekannte Macht mich an den Nürburgring zurück versetzt, geht es in irrwitzigem Tempo Serpentinen rauf und wieder runter, dass ich mit Mühe die aufsteigende Übelkeit mit einigen Schlucken aus der Wasserflasche bekämpfen kann. Junge, Junge, das hier ist ein öffentlicher Bus mit Fahrgästen und sogar einem Fahrradanhänger! An das Checken von Mails, Nachrichten oder auch nur einen Blick aufs Handy ist bei weitem nicht zu denken.


Nachdem die Ausläufer der Eifel hinter uns liegen, nimmt der Bus die Autobahn und erreicht schließlich Wittlich. Kaum ausgestiegen, blafft der Mann von vorhin erneut auf mich ein:

„Is des dor Zoch na Trier?“

Weil ich mich selbst erst mal informieren muss, antworte ich nur knapp:

„Glaube ja…“, und bevor ich meinen Satz beenden kann, geht es im gleichen Tonfall weiter:

„Glaube heißt ned wisse!“

Da reicht es mir. Ich schaue dem Mann gerade ins Gesicht und weise ihn zurecht, dass ich nicht die Bahnauskunft bin und er sich bitte woanders informieren möchte.


Die folgenden beiden Zugfahrten verlaufen so ruhig und entspannt, dass ich kaum glauben mag, mit der Deutschen Bahn unterwegs zu sein.


In Perl ist heute Endstation für mich. Der Waggon entlässt mich in die sengende Sonne eines Augustnachmittages. Auch das Shirt, in das ich in Kelberg geschlüpft bin, ist nun verschwitzt und hängt schwer wie ein Kettenhemd an mir. Der Riemen meiner Umhängetasche mit dem Laptop hinterlässt einen nassen Streifen von der Schulter bis zum Bauchnabel und die große Reisetasche scheint mit Wackersteinen gefüllt zu sein. In der trotzigen Überzeugung, das letzte Stück zum Hotel auch noch zu schaffen, straffe ich den Rücken und versuche, Google davon zu überzeugen, mir einen vernünftigen Fußweg zu zeigen. Pustekuchen! Ich habe noch nicht mal ein Mobilfunknetz. Und nun? Eine Schautafel fällt mir ins Auge. Sie zeigt ausgewählte Hotels im Ort und das von mir gebuchte ist auch dabei, sogar mit einer Rufnummer, die ich vorsorglich speichere. Beim zweiten Blick sehe ich, dass das Hotel sogar einen Fahrservice anbietet. Auf den werde ich gerne zurück kommen, wenn Google Maps mich weiterhin hängen lässt.


Nach ein paar hundert Metern ziellosen Umherirrens entschließe ich mich, das Hotel anzurufen. Es gibt einfach kein stabiles Netz und mit Glück bekomme ich im dritten Versuch endlich eine Telefonverbindung. Nach ein paar kurzen Fragen und Antworten verspricht mir der freundliche Mann, sofort los zu fahren und ich muss auch nicht lange auf ihn warten. Mich empfängt ein Mann Mitte bis Ende vierzig, der einen kräftigen Händedruck und einen freundlichen, neugierigen Blick hat. Eilig wird eine Styroporkiste von der Art, wie man Essen darin ausliefert, auf die Rückbank verfrachtet, damit ich auf dem Beifahrersitz Platz nehmen kann.


Kurz nachdem wir losgefahren sind, berichte ich kurz von meinem Plan, vom Bahnhof zum Hotel laufen zu wollen und warum es nicht so klappt wie ich es mir erhofft habe. Da lacht er herzlich und sagt:

„Das wäre aber noch ein Vorhaben geworden. Wir liegen etwas außerhalb in Hellendorf.“ Und als ich nach der ungefähren Entfernung und einem gangbaren Fußweg frage, fährt er fort:

„Wenn Sie den Saar-Hunsrück-Steig nehmen wollen, der von Perl hier rauf führt, sind es mit den ganzen Windungen 18 Kilometer.“

Spätestens in diesem Moment bin ich froh, ihn angerufen zu haben.


Die Fahrt dauert indes keine zehn Minuten. Schon kurz nach der Querung der Autobahn und zwei drei Kreuzungen biegen wir in den Vorhof eines schmucken Landhauses ein.

„Da simmer.“


Was für ein Kontrast zu dem, was ich zuvor erleiden musste!

Ein älterer Mann mit schulterlangem schlohweißen Haar hält mir die Tür auf und sagt mit breitem Grinsen: „Immer rein hier, ich bin der Neue und soll heute hier singen.“ Seinen Scherz quittiert er selbst mit dröhnendem Lachen.


Und schon stehe ich samt Gepäck in einem gepflegten Schankraum, wo eifrig Getränke auf Tabletts platziert werden, die flinke Serviererinnen durch eine große geöffnete Glasschiebetür in ein liebevoll eingerichtetes Restaurant tragen. Sofort ist eine freundliche Dame bei mir, fragt kurz nach meinem Namen und hat im Handumdrehen meinen Zimmerschlüssel.

„Bitte schön, Zimmer drei ist im ersten Obergeschoss. Herzlich willkommen bei uns! Wenn Sie soweit sind, können Sie gern hier unten essen.“


Wow.


Der gleiche Ausruf entfährt mir, als ich das Zimmer betrete. Es ist hell, es ist geräumig, es ist genauso geschmackvoll eingerichtet wie die Räume, durch die ich hier rauf gekommen bin. Es gibt ein Doppelbett mit augenscheinlich fantastischer Matratze, es gibt einen kleinen Beistelltisch mit zwei bequemen Cocktailsesseln und einer Flasche Mineralwasser, die ich gierig leere. Es gibt eine Art TV-Board mit Glasplatte, deren überwiegender Teil von einem angemessen großen Fernseher eingenommen wird, wo aber noch genug Platz ist, um am Laptop arbeiten zu können. Und es gibt ein Badezimmer, das keine Wünsche offen lässt.


Nach einer ausgiebigen Dusche, der unkomplizierten Verbindung mit dem hauseigenen W-Lan und der Erledigung einiger unvermeidlichen Verpflichtungen, die sich tagsüber angesammelt haben, bin ich so weit, mir ein Abendessen im Hotelrestaurant zu gönnen.


Die junge Dame mit dem Tablett in der Hand sagt mir, ich könnte mich einfach an einen freien Tisch setzen, drinnen oder draußen, wie es mir behagt. Weil die Abendsonne noch so schön durch das Blätterwerk der alten Bäume fällt, zieht es mich nach draußen und ich habe schnell einen kleinen Tisch für mich gefunden.


Die Terrasse ist etwas erhaben mit einem Boden aus palisanderfarbenen Profilholzbrettern, die passgenau in ein umlaufendes Mäuerchen aus grob behauenen, graubraunen Steinen eingebettet sind. Über drei oder vier Stufen erreicht man eine Wiese mit mächtigen alten Bäumen, unter deren Kronen weitere Tische in loser Formation angeordnet sind. Die Wiese fällt zum Zaun hin sanft ab und in einer Ecke kann ich zu einem Hünengrab aufgehäufte Findlinge entdecken. In der Ferne, wo die tief stehende Sonne den Himmel allmählich in melancholisches Sepia-Türkis taucht, drehen sich träge die Flügel dreier Windräder. Ab und zu sieht man die Scheinwerfer von Autos, die von einer Anhöhe in die Ortschaft kommen. Kein Lärm stört die Idylle, alles scheint lautlos abzulaufen, bis auf die angeregten Gespräche der anderen Gäste.


Nun stehe ich vor einer sehr angenehmen Wahl. Ich könnte, meiner alten Gewohnheit folgend, einfach ein kühles Radler zu mir nehmen. Doch halt! Wenn ich schon einmal in einer ausgesprochenen Weinregion gelandet bin, warum genehmige ich mir dann nicht mal was Besonderes? Weinkenner bin ich nicht, aber hier kann ich bestimmt ohne Bedenken einer Empfehlung folgen. Und so frage ich nach dem hiesigen Hauswein. Dies ist dem Vernehmen nach ein Weißburgunder. Die Frage nach „trocken“ oder „halbtrocken“ ruft kurz ein ratloses Lächeln hervor. Ach was, ich probiere ihn einfach. Und er schmeckt köstlich, ist perfekt gekühlt und rinnt wie das Wasser aus der Quelle des Lebens in kleinen Schlucken durch meine Kehle.

In der Zwischenzeit ist mir die Speisekarte gebracht worden. Wo wir schon mal bei den regionalen Köstlichkeiten sind, fällt mir eine Seite mit landestypischen Gerichten ins Auge. Warum nicht mal das Lothringer Schweinefilet mit den Mehlknödeln probieren? Nach den bisherigen Erfahrungen kann es keine Enttäuschung sein. Auf den Preis zu schauen verkneife ich mir. Das habe ich mir heute verdient!


Das Gericht ist eine Wucht. Drei perfekt gebratene Filetstücke mit Käse überbacken sind in der Mitte des großen Tellers in einem Bett aus einer hellen Soße mit etwas angeordnet, was ich so schnell nicht identifizieren kann. Die Beilage erinnert im Geschmack ein wenig an Gnocchi, hat aber eine etwas lockerere Konsistenz und ist mit einer Art Bierteig umhüllt. Alles wird gekrönt von einer Kirschtomate, die so frisch und aromatisch schmeckt, als hätte ich sie gerade im eigenen Garten gepflückt. Ein wahrer Genuß! Als der Teller leer ist und die letzten Reste der Soße an einem Stück Fleisch in meinem Mund verschwinden, bin ich angenehm satt ohne das Gefühl, platzen zu müssen. Genau so muss es sein! Das ist die Lebensart, mit der ich mich im Urlaub verwöhnen möchte, und bestelle mir ein weiteres Viertel von dem Weißburgunder. Nachdem ich kurz daran genippt habe, fällt mir ein, dass ich wohl noch einen Nachtisch vertragen könnte und wähle mit unverhohlener Vorfreude die Creme Brulée. Als ich mit dem Löffelchen die letzten Reste aus der Schale kratze, um nichts davon umkommen zu lassen, schließe ich kurz die Augen und atme tief ein und aus; in der unerschütterlichen Gewissheit:

Wenn es das Schlaraffenland gibt, dann habe ich gerade durch den Türspalt geschaut.


Donnerstag



Nach dem Verwöhnprogramm von gestern Abend ist heute mal wieder etwas Bewegung angesagt. Schon bei der Planung meiner Reise vor einigen Wochen habe ich mir diese Region auserkoren, da es mich in meinem ganzen Leben zuvor weder ins Saarland noch nach Luxemburg noch in die benachbarte Region Frankreichs namens Grand Est (besser bekannt als Lothringen) verschlagen hat. Hier vereint die Mosel in ihrer ganzen Pracht die Weinbaugebiete dreier Länder zu einer einzigartigen Komposition aus Menschenschlag, üppiger Natur und beeindruckender Bergwelt – auch wenn die ganz großen Gipfel freilich weiter südlich zu finden sind. Zudem schlägt hier das Herz des vereinten Europas, denn auf der Moselbrücke, die das luxemburgische Städtchen Schengen mit Perl auf deutscher Seite verbindet, wurde das berühmte Abkommen geschlossen, das uns weitestgehende Bewegungsfreiheit in allen europäischen Ländern, die diesem Abkommen angehören, beschert.



Wenn das keine Einladung ist, mir ein einzigartiges Lauferlebnis durch gleich drei Länder zu kredenzen! So eine Gelegenheit bietet sich mir nicht alle Tage.


Erfüllt von dieser Vorfreude mache ich mich nach einem fürstlichen Frühstück auf die Socken. Mein Plan sieht vor, zunächst die nur einen sprichwörtlichen Steinwurf entfernte Grenze nach Frankreich zu überqueren, die etwas außerhalb des Örtchens Merschweiller gelegene Friedenskapelle zu besuchen, die genau auf der französisch-deutschen Staatsgrenze errichtet ist und mich von dort weiter in grober Richtung der Mosel zu orientieren, an deren Ufer ein Radweg voller unvergesslicher Panoramablicke verlaufen soll, wie ich gelesen habe.


Gewarnt von den Tücken der Orientierung bei meinem letzten Lauf wähle ich jedoch zunächst kurze Teilstücke und schlage den Weg zur Ortschaft Eft ein, dem letzten Dorf auf deutscher Seite, bevor es zwischen den mächtigen Pfeilern der hoch verlaufenden Autobahn A8 hindurch nach Merschweiller in Frankreich geht.


Sanfte, mit Mais bebaute Hügel wechseln sich ab mit Wiesen, einem kleinen Rasenplatz, der dem hiesigen Sportverein wohl als Stadion dient, einem altertümlichen Ortskern mit einer mächtig anmutenden Kirche in romanischem Baustil. Jenseits von ein paar Bauernhöfen kommt nun die Autobahnbrücke in mein Blickfeld, unter der der asphaltierte Weg rüber in den Großen Osten der Grande Nation führt. Nach einem weiteren Hügel verläuft die schmale Straße in rasantem Gefälle mitten zwischen die Häuser des ersten Dorfes mit rot-weißem Ortsschild. Gut gelaunt lasse ich es rollen und lasse mich auch nicht von einem wütenden Hund erschrecken, den ein vielleicht elfjähriges Mädchen mühsam im Zaum zu halten versucht. Die Straßen sind gut beschildert und über die Rue de la Chapelle führt mein Weg eine ebenso steile Straße wieder hinauf, wo mir linkerhand bald ein Holzschild den Weg zur Kapelle weist.



Die Initiative zur Friedenskapelle ging bezeichnender Weise von den Bürgern aus dem saarländischen Perl und Oberperl und dem lothringischen Merschweiller aus. Sie haben selbst das bemerkenswerte Bauwerk im Niemandsland, in einem Landstreifen, der weder Deutschland noch Frankreich gehört, zwischen zwei Grenzsteinen von 1830 errichtet. Die beiden Kommunen Perl und Merschweiller haben die Materialkosten übernommen.

Wie sehr die Region unter den Kriegen gelitten hat wird durch einen der Grenzsteine deutlich, der an den Dreißigjährigen Krieg, die Reunionskriege, die Französische Revolution und an den Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 erinnert.

Am 8. August 1999 wurde die Friedenskapelle von Dechant Jansen aus Perl unter der Mitwirkung französischer und deutscher Geistlichen eingeweiht. Anschließend lud die Gemeinde Merschweiller zum einem Fest der Begegnung ein.


Nach einem kurzen Innehalten konsultiere ich wieder einmal meinen nicht ganz so treuen Wegweiser, der mir erzählt, dass rechtwinklig zur Asphaltstraße ein Feldweg abzweigen soll, in dessen Mitte genau die Staatsgrenze verläuft, wenn auch nur für wenige hundert Meter. Das finde ich so bemerkenswert, dass ich froh bin, genau diesen Weg einschlagen zu können. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, mit der linken Körperhälfte in Deutschland zu laufen und mit der rechten auf französischem Gebiet. Nicht ein einziges Anzeichen weist darauf hin, dass hier die Grenze zweier großer Nationen verläuft und mir wird klar, dass wir erst dann von einem wirklich vereinten Europa sprechen können, wenn diese Grenze auch aus den Landkarten und den Köpfen der Menschen verschwunden ist.


Kaum ist der Gedanke zu Ende gedacht, zieht ein kleines Schildchen an einem Holzpfahl meine Aufmerksamkeit auf sich. „Moselle Trail“ steht darauf, ein rot-gelb-blaues Symbol macht es markant und ein kleiner schwarzer Pfeil weist nach links, also in die Richtung, die ich sowieso weiter einschlagen will. Wenn das kein Fingerzeig ist.



Dieser Moselsteig, wie er auch in Deutschland ein Begriff ist, scheint wirklich erstklassig ausgeschildert zu sein, denn alle zehn bis fünfzig Meter erblicke ich weitere von diesen farbenfrohen Wegweisern. So fällt es mir nicht allzu schwer, dem mal großzügigen, mal extrem schmalen, hin und wieder holprigen und immer wieder überraschenden Weg durch Wälder, Bauernschaften und über sonnenbeschienene Wiesen zu folgen. Der Umstand, dass sich knüppelharte Anstiege und langgezogene sanfte Gefälle abwechseln, macht ihn nur noch spannender. Genau das ist Trairunning, wie ich es mir vorstelle! Viel zu schnell kommen die ersten Häuser von Kirsch-les-Sierck in Sichtweite und vorbei an einer alten verfallenen Kirche und einer direkt daneben neu errichteten komme ich auf eine Straße, die steil bergab zur Mosel führt.



Nachdem ich zwei Hauptstraßen überquert und eine wunderschöne alte Allee passiert habe, verweist ein neues Schild auf eine enge Unterführung zum Chemin de la Moselle, dem bekannten Moselradweg, der in weiten Strecken direkt am Ufer entlang führt; manchmal so nah, dass man sich ein Geländer wünscht. Zu meiner Linken verlaufen die Gleise der Bahnstrecke von Apach nach Thionville, zu meiner Rechten bahnt sich der Strom in weiten Schleifen seinen Weg zwischen den Hügeln und Felsen Richtung Norden.



Der Weg führt mich zunächst mal direkt am Wasser, mal außer Sichtweite in die nächste Ortschaft namens Contz-les-Bains, wo eine Straßenbrücke den Strom überspannt. Auch die Radler müssen hier rüber, denn der Weg führt am anderen Ufer weiter nach Thionville. Für mich dürfte das zu weit werden, also überlege ich, wie ich mich am besten in der Gegenrichtung nach Schengen orientieren kann. Die lebhaft befahrene Hauptstraße ist keine Option, denn daneben gibt es nichts, auf dem sich Fußgänger und Radfahrer gefahrlos fortbewegen können.




Bleibt also nur eins: den Berg hinauf. Schon auf dem zuletzt zurück gelegten Weg ist mir eine gelblich-graue Felsformation ins Auge gefallen, die hoch oben wie eine Krone auf den grünen Hügeln thront. Über eine so steil ansteigende Gasse, dass sie auch bei bestechender Kondition nur im Gehschritt bewältigt werden kann, durchquere ich nun den Ort und siehe, mein Moselsteig ist wieder da, wie mir das wohlbekannte Schildchen an einer Hausecke verrät.



Als ich Contz hinter mir lasse und wieder ins Grüne eintauche, stellt sich der auserkorene Felsen als Stromberg vor. Oben soll es eine Aussichtsplattform geben. Schon wieder ein Fingerzeig. Und noch etwas weckt mein Interesse: Zu den bisherigen Wegmarkierungen gesellt sich eine neue, in purpur gehalten, aus einem „S“ (oder einem gewundenen Weg) und einem „H“ (oder durchbrochenen Grenzlinien) bestehend. Dieser Weg ist mit „Schengen grenzenlos“ betitelt und führt zweisprachig zu Wanderzielen und Sehenswürdigkeiten in diesem Landstrich. Danach kann ich mich bei meinem schweißtreibenden Aufstieg zum Stromberg-Plateau wunderbar richten. Überraschender Weise dauert es gar nicht allzu lange, bis sich vor mir das weite Areal aus Grasland eröffnet, wo ich mich unmittelbar am Geländer auf einer Picknickgarnitur nieder und den Blick übers weite Land schweifen lassen kann. Die Fernsicht ist an diesem herrlichen Tag mal wieder atemberaubend und tief unten kann ich die Brücke von Contz erkennen, über die ich vorhin noch gekommen bin.



Nach ausgiebigem Luftholen und einem großzügigen Schluck aus dem Wasserbehälter zieht es mich weiter. Der Abstieg erfordert starke Nerven. Der schmale Pfad, der sich serpentinenartig den steilen Hang hinunter windet, ist übersät von Geröll und fest sitzenden aber äußerst unregelmäßigen Steinen, die geradezu zum Stolpern und Stürzen einladen. Es gibt keine Möglichkeit, mich irgendwo festzuhalten. Hier ist höchste Konzentration gefragt, will ich nicht mit mehrfach gebrochenem Rückgrat tief unten meine letzten Atemzüge tun. Zur Sicherheit lege ich diese Strecke in tastendem Gehschritt zurück. Die einheimischen Trailrunner hätten sicher nur ein mildes Lächeln für mich übrig.



Am Fuß der Felsformation wird das Geläuf wieder besser und mein neugieriger Blick gewahrt mehrere höhlenartige Nischen in der zerklüfteten Wand. Ein Warnschild verbietet mir, mich weiter zu nähern, also widme ich mich lieber wieder meinem Weg, der mich alsbald zwischen tiefblau behangenen Weinstöcken hindurch führt. Die Trauben sind noch klein und ihre Haut noch matt; bis zur Lese wird es noch ein paar Wochen dauern. Mit sanftem Gefälle verläuft der asphaltierte Weg von Weinberg zu Weinberg und ich kann es mal wieder entspannt rollen lassen, bis ich mich unversehens auf der Hauptstraße wieder finde. Eine Abzweigung muss ich also verpasst haben. Das stört mich aber nicht besonders, denn weiter voraus erblicke ich einen kleinen Parkplatz, von wo ich sicher wieder einen Weg hinauf nehmen kann. Nach wenigen Minuten erreiche ich die Ausbuchtung und nehme beim Zurückblicken wahr, dass ich mich schon auf luxemburgischer Seite befinden muss. Jetzt habe ich also alle drei Länder beisammen, was mich mit einem gewissen Stolz erfüllt.



Über eine Nebenstraße laufe ich dann nach Schengen hinein und direkt auf einen winzigen Platz, der in der Art eines stilisierten Kreisverkehrs gepflastert und als Europaplatz benannt ist. Wenn das nicht nach einem Erinnerungsfoto schreit.


Über schmale und verwinkelte Straßen komme ich zur Moselbrücke, in deren Mitte mir die zwölf Sterne auf blauem Grund und eine Inschrift verraten, dass ich nun wieder nach Deutschland komme. Der Kreis schließt sich.


Da mein Wasservorrat nahezu erschöpft ist und ich nach einer kräftezehrenden Halbmarathon-Distanz auch Hunger verspüre, kommt mir der Hinweis auf einen Supermarkt sehr gelegen.

Nachdem ich mich gestärkt und meinen Durst für die letzte Wegstrecke gebändigt habe, versuche ich mich nun aus Perl heraus wieder nach Hellendorf zu orientieren, was sich als nicht ganz so einfach heraus stellt. Ich habe ja noch die Worte meines Gastgebers im Ohr, dass der wunderschöne Saar-Hunsrück-Steig recht viele Windungen hat und sich bis zu meiner Herberge auf satte achtzehn Kilometer hinzieht. Nach einem ausgewachsenen Marathon steht mir eigentlich nicht der Sinn, schon gar nicht bei diesem Höhenprofil. Meine Flachland-Tiroler-Beine protestieren ohnehin schon seit geraumer Zeit und die Schritte beginnen merklich schwerer zu fallen.



Dennoch versuche ich mich zunächst an die entsprechenden Wegmarkierungen zu halten, die mich über kurz oder lang zu einer Holzhütte mit einer großen Wanderkarte führen. Allerdings werde ich daraus nicht so recht schlau und ziehe wieder einmal meinen digitalen Begleiter zu Rate, der mir empfiehlt, mich über die Siedlungsstraßen von Oberperl und eine stattliche Erhebung namens Hammelsberg in der groben Richtung der Autobahn A8 zu halten, die ich über eine Fußgängerbrücke überqueren können soll. Lassen wir uns überraschen. Erschwerend kommt später hinzu, dass der Akku des Mobiltelefons schneller schlapp macht als mein körpereigener Akku und ich nun auf mein eigenes rudimentäres Orientierungsvermögen angewiesen bin. Zum Glück geht es hier oben recht übersichtlich zu und über Feldwege erreiche ich tatsächlich die eingezeichnete Autobahnüberführung. Von dort geht es in lockerem Gefälle wieder in das vom Beginn meiner Aktivität bekannte Dorf Eft und nur gut einen Kilometer weiter erblicke ich erschöpft und glücklich das weiß getünchte Landhaus, das die verdiente Erholung und später einen weiteren unvergleichlichen lukullischen Genuss verheißt.


Nach dreißig Kilometern mit – halleluja – deutlich über 800 Höhenmetern ist Zeit für eine belebende Dusche und eine ausgiebige Ruhepause, um alle infrage kommenden Energiespeicher wieder aufzufüllen.


Zwei Stunden später finde ich mich abermals auf der Terrasse des Hotelrestaurants ein und genehmige mir als erstes einen großen, starken Kaffee, bevor ich mir überlege, womit ich meinen Gaumen heute begeistern möchte. Nach dem Motto „Das Leben ist zu kurz, um an so einem Ort zweimal das Gleiche zu essen und zu trinken“, entscheide ich mich heute für einen ebenso köstlichen halbtrockenen Roséwein, einen umwerfend frischen Salat, legendär zubereiteter Wildfrikadelle mit Bratkartoffeln – natürlich wieder mit der obligatorischen Kirschtomate – und einem Nuss-Eisbecher als Nachtisch. Nach einem so gelungenen Tag an einem solch schönen Fleckchen Erde die Sonne untergehen zu sehen ist schon eine außergewöhnliche Belohnung.



Über Freitag und die Heimreise mit der Deutschen Bahn brauche ich kein Wort zu verlieren.

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