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Achterbahn der Sinne

  • Autorenbild: Ted Mönnig
    Ted Mönnig
  • 15. März
  • 5 Min. Lesezeit



Es ist verdammt frisch, richtig kalt sogar. So kalt, dass mein Körper sich mit zittern warm zu halten versucht. In den letzten Wochen konnte man auf die Idee kommen, dass der Frühling die Oberhand gewonnen hat und in seinem Siegeszug nicht mehr aufzuhalten ist. Doch nein, der Winter wehrt sich mit allem, was er aufzubringen vermag: frostige Nächte, Raureif, sogar ein paar Schneeflocken taumeln vereinzelt zu Boden, fangen sich zwischen den Grashalmen und verwandeln sich in der Gewissheit ihres kurzen Daseins in winzige Wassertröpfchen. Auch wenn sich die Temperaturen noch kurz über dem Gefrierpunkt befinden, verspricht der Tag ein schöner zu werden. Schon bevor sich die Sonne über unserem Horizont blicken lässt, unterbrechen nur vereinzelte Wölkchen das stetig heller werdende Blau über meinem Kopf. Perfekte Bedingungen, um in ein weiteres Abenteuer zu starten.





Dafür muss ich mich noch bis morgen gedulden. Zunächst steht noch eine längere Bahnfahrt an. Von unserem beschaulichen Kleinstadtbahnhof aus führt die Reise bis hinunter ins schweizerische Basel, nur um dann wieder im Gefährt meines Schulfreundes Micha ein paar Kilometer nach Norden auf der französischen Seite des Rheins ihr vorläufiges Ziel zu finden. Morgen früh müssen wir uns zu ähnlicher Uhrzeit im elsässischen Rouffach einfinden. Dort findet eine Laufveranstaltung statt, auf die ich mich schon seit langem freue, ebenso wie auf das Wochenende, das Micha und ich zusammen verbringen werden.


In der überaus wohlklingenden, leicht aristokratisch anmutenden französischen Sprache spricht sich der Trail du Petit Ballon wie ein fröhlicher, gemütlicher Spaziergang aus. Die Silben wandern leichtfüßig über die Zunge, nachdem sie schon im Kopf ein paar beschwingte Hopser vollführt haben. Nichts an dem Namen deutet darauf hin, welch knüppelharte Nummer sich hinter dieser niedlichen Bezeichnung verbirgt. Wer könnte auch auf die Idee kommen, dass ein kleiner Ball in Wahrheit ein stattlicher Berggipfel in den Vogesen ist, der sich im Höhenvergleich nicht hinter dem Brocken verstecken muss? Da geht’s morgen also rauf, über verschotterte, schlammige und möglicherweise auch noch verschneite Trampelpfade. Ich habe nur eine vage Ahnung davon, was mich morgen nach dem Start erwartet, außer dass es wieder einmal höllisch anstrengend wird. Der Sinn bei Abenteuern ist, dass man nicht weiß, wie sie ausgehen. Wenn der Ausgang von Abenteuern schon vorher bekannt wäre, könnte man sie nicht mehr als solche bezeichnen.





Auch deswegen liebe ich Trailrunning. Es ist der Gipfel der gelebten Abenteuerlust. Mehr noch als auf der Straße laufe ich hier mit allen Sinnen. Mal davon abgesehen, dass ich den Blick über die Schönheit der Gegend schweifen lasse, nachdem ich ganz mit der Natur eins geworden bin. Es bedeutet, dass ich den Duft der Wälder und des nassen Bodens einsauge, die Sinfonie des Windes in den Baumkronen wahrnehme, aus denen sich kreischend Schwärme von Vögeln erheben. Trailrunning fühlt man am ganzen Körper, angefangen von den Unebenheiten des Bodens, dem teils glitschigen Geläuf, das insbesondere auf abschüssigen Passagen sehr gefährlich sein kann, wenn man nicht alle Sinne geschärft hat, dem ständigen Wechsel von Auf und Ab – wirklich waagerechte Streckenabschnitte sucht man vergeblich -, plötzliche Richtungswechsel hinter dem nächsten Felsbrocken. So ist neben den üblichen Wahrnehmungen vor allem der Gleichgewichtssinn gefragt. Und weil das alles eben nicht im Sprint ablaufen kann, entdeckt man beim Trailrunning automatisch ein anderes Tempo, sich fortzubewegen. Ein Tempo, das auf der Uhr so manchem ambitionierten Dorfchampion auf der Volkslaufdistanz die Haare zu Berge stehen lässt. Ein Tempo jedoch, das sich zwischen eng stehenden Bäumen, auf schmalen, sich an Bergflanken entlang schlängelnden Pfaden immer noch schnell genug anfühlt, um bei der kleinsten Unaufmerksamkeit die Strecke mit meiner eigenen Körperlänge zu vermessen.


Was ich nun wohl nicht mehr extra erklären muss: die schnöde Definition von Trailrunning ist das Laufen abseits befestigter Wege. Viele Läufer verbinden damit automatisch das Überwinden von gebirgigem Terrain mit anständig Höhenmetern. Es geht aber auch im Flachland. Zum Beispiel kann Laufen im Moor genauso naturnah und ebenso anstrengend sein wie in den Bergen. Man kennt nicht umsonst die Faustregel, dass ein Kilometer im Moor den gleichen Kraftaufwand erfordert wie anderthalb Kilometer auf befestigten Wegen. Trails finden sich praktisch in jedem Wald, auf jeder Wiese und manch einer ist auch unerschrocken genug, den Weg quer über den Acker zu nehmen – frei nach dem Motto: ist kein Weg auf weiter Flur, so folge ich der Treckerspur. Eine Sonderform, das urban Trailrunning, hat sich in den letzten Jahren in städtischen Umgebungen entwickelt und erfreut sich wachsender Beliebtheit.





Meine erste bewusste Trailrunning-Erfahrung ist ungefähr acht Jahre her. Natürlich habe ich auch schon zu meiner Schulzeit an Crossläufen teilgenommen und die heimischen Waldwege sind mir schon seit den ersten Anfängen meiner Leidenschaft vertraut. Dennoch war dieser Ausflug in die Dammer Berge eine Art Initialzündung für die Liebe zum Laufen über Stock und Stein. Ich folgte damals der Initiative zweier erfahrener Laufkollegen, die mich gefragt hatten, ob ich mal Lust auf die „Schwarze Vier“ habe.


Nicht in die Systematik der Wegführung in den Dammer Bergen Eingeweihte sollten wissen, dass die dortigen Wanderrouten mit Zahlen in verschiedenfarbigen Kreisen gekennzeichnet waren. So gab es insgesamt zehn verschiedene Routenvorschläge unterschiedlicher Länge und unterschiedlichen Schwierigkeitsgrades, die auch miteinander kombiniert werden konnten. So ergab sich eine Vielzahl von Möglichkeiten, diese schöne Gegend auf zwei Beinen zu durchstreifen. Vor einigen Jahren wurden alle Wanderwege neu beschildert und die alten Markierungen gehören nun der Vergangenheit an. Trotzdem sind Routen wie die „Schwarze Vier“ im Jargon der Frischluftjunkies überliefert und erhalten geblieben.


Natürlich hatte ich an diesem schönen Tag keine Ahnung, was sich dahinter verbirgt und klar hatte ich Lust, als Frischling mal was Neues auszuprobieren. Was das war, bekam ich schon auf den ersten Metern zu spüren. Obwohl der erste Teil des Weges noch asphaltiert und die Steigung noch moderat war, bekam ich schon einen Vorgeschmack auf den weiteren Verlauf der Strecke, wenn mein Blick nach rechts und links wanderte. Und jede Ahnung sollte sich bewahrheiten. Schon bald bogen wir vom Hauptweg ab und es ging schnurstracks über einen Schotterweg hinunter in eine unübersichtliche, sattgrüne Talsenke. Während meine beiden Begeiter noch munter plauderten, hatte ich Mühe, meine Sinne und Bewegungen auf das plötzliche starke Gefälle und den neuen Untergrund einzustellen. Viel Zeit blieb mir dafür nicht, denn nach wenigen Minuten bogen wir auf einen noch schmaleren Weg aus weichem Waldboden ab, der in kräftigem Anstieg über Baumwurzeln auf die Anhöhe zu unserer Rechten hin führte. Nach einem kurzen Anstieg, der mich konditionell dem Ableben beängstigend nahe gebracht hatte, kippte das Gelände abermals und ein lang gezogenes steiles und holpriges Gefälle erforderte meine höchste Aufmerksamkeit. So ging es immer weiter, rechts hoch, links runter und umgekehrt, in allen möglichen Variationen. Und natürlich immer mittendrin im Schoß von Mutter Natur. Wenn das Gelände mal eine Lockerung meiner Konzentration zuließ, stellte ich mir vor, wie es wäre, hier im Winter – also richtig mit Schnee – zu laufen. Ihr merkt schon, ich hatte Blut geleckt. Die Leidenschaft fürs Trailrunning hatte Besitz von mir ergriffen, mich mit Haut und Haaren in ihre Arme genommen und gedachte mich nicht mehr los zu lassen. Auch wenn ich an den Steigungen ein ums andere Mal nach Luft rang und mir nach sieben der elf Kilometer beide Knie brannten, von den Oberschenkeln ganz zu schweigen, war ich überzeugt, nicht das letzte Mal auf der „Schwarzen Vier“ unterwegs gewesen zu sein. Und tatsächlich fand ich in jedem der zurück liegenden Jahre immer wieder den Weg zum Parkplatz am „Schweizerhaus“, wo wir schon beim ersten Mal gestartet sind und bin diese Strecke inzwischen so oft gelaufen, dass ich auch die alte Beschilderung nicht mehr benötige. Je nach Trainingsplan und Tagesform absolviere ich die Runde inzwischen zwei bis dreimal am Stück, auch vier Umrundungen habe ich schon gemacht, als Vorbereitung auf den Atjan Wild Islands Marathon auf Färöer.


Echte Bergziegen, die im alpinen Gelände zuhause sind, mögen das vergleichsweise sanfte Hügelland nahe der südoldenburgischen Stadt Damme belächeln, doch für mich hat hier etwas seinen Anfang genommen, das mich bisher zu den inspirierendsten Erlebnissen geführt hat, seit ich die Laufschuhe schnüre. Neben meinen kleinen kulinarischen Mitbringseln für Micha wäre es das größte Geschenk, ihm diese Inspiration fürs Trailrunning weiter zu geben. Ich bin überzeugt, der Trail du Petit Ballon wird seine Initialzündung sein, so wie es die „Schwarze Vier“ für mich gewesen ist.

2 comentarios


Michael Greger
Michael Greger
16 mar

Das war eine super Inspiration Ted und beim nächsten bin ich wieder mit dabei 🙂👍😎

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Michael Greger
Michael Greger
16 mar

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