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Das Leben ist zu kurz für später!

  • Autorenbild: Ted Mönnig
    Ted Mönnig
  • 30. Apr. 2024
  • 6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 30. Apr. 2024




Dieses Motto, das mir eine Laufkollegin mit auf den Weg gegeben hat, hat mich immer wieder motiviert, scheinbar verrückte Dinge zu tun. Nicht, dass mir eine solche Devise zu früheren Zeiten unbekannt gewesen wäre. Aber nach dem September 2023 hat sie für mich noch mehr an Bedeutung gewonnen als bis zu diesem Ereignis, das meinen Lebensweg und alle damit verbundenen Einstellungen in eine neue Richtung geschubst haben.


An dieser Stelle standen mal 2 Absätze zu meinen Gedanken und Gefühlen, Hoffnungen, Plänen und Ängsten während der Entscheidungsfindung und Vorbereitung auf den Hamburg-Marathon. Das erspare ich uns allen. Lasst uns zur Sache kommen, denn:


Das Leben ist zu kurz für später!


Danke, liebe Elke, für diesen Satz, den ich im Herzen 42,195 Kilometer durch Hamburg getragen habe, zusammen mit Deinem Lächeln, Deiner Aufrichtigkeit und Deiner Willensstärke, die Ausdauersportlern wie Dir und mir eigen ist und die Dich auf bewundernswerte Art und Weise dazu bringt, niemals aufzugeben, egal welche Knüppel dir das Leben zwischen die Beine wirft.





Mit diesem Satz laufe ich los, gemeinsam mit Schulfreund Micha zu meiner Rechten, der ebenso gefangen scheint von der Magie der knisternden Atmosphäre. Setze mich in Bewegung wie die Abertausenden Laufverrückten vor mir, hinter mir und um mich herum. Einen Fuß vor den anderen, mittendrin im bunten Gedränge aus Trikots, Kompressionsstrümpfen, Trinkrucksäcken und meistenteils fröhlichen Gesichtern. Die Anspannung ist greifbar gewesen vor dem Start, aber sie hat sich in diesem Moment explosionsartig entladen in einem Aufschrei der Freude und dem rhythmischen Klatschen einer ganzen Armee schwitzender Handflächen. Nur träge kommt die riesige Masse voran, als ob sie erst ihren Weg finden muss durch die vergleichbar schmale Gasse aus Zäunen, Leibern, Schildern und knipsenden Mobiltelefonen. Immer näher kommt die Stimme des Sprechers da vorn an der eigentlichen Startlinie, von der vor gefühlt einer halben Stunde schon die Elite los gesprintet ist. Jetzt aber ist die Zeit der eigentlichen Helden gekommen, klingt es aus den Lautsprechern. Die Zeit derer, die ihren inneren Schweinehund über den Haufen geworfen, sich durch Monate der Vorbereitung gequält haben und nun, in diesem Moment und den folgenden Stunden für alles belohnt werden wollen. Hände fliegen nach oben, unter meinen Füßen gleitet der rote Teppich nach hinten weg und die große weite Welt tut sich vor mir auf, begleitet von enthusiastischem Applaus beiderseits. Die faszinierendste, verrückteste und lebendigste Metropole unter der Frühlingssonne liegt mir zu Füßen!


Es gibt nichts Schöneres, als seine Umgebung im Rhythmus der eigenen Schritte zu entdecken. Das haben Micha und ich schon gestern auf unserem Fußmarsch von der Hafencity zur Messe festgestellt. Der Kopf bewegt sich im Tempo, das Puls und Füße vorgeben, nimmt wahr, sortiert und entdeckt sein eigenes Leben. Breitere und schmalere Straßen führen uns an den Tanzenden Türmen vorbei, dem Stadion am Millerntor, später am Wald aus Stahl, der aus dem Burchardkai erwächst. Was der Mensch von Hamburg gesehen haben muss, taucht auf, kommt näher, fängt den Blick ein und bleibt zurück. Manches wird gespeichert, anderes verblasst. Was sich im Kopf und Herzen festsetzt, ist die mitreißende Begeisterung der Menschen am Streckenrand. Ich kann nicht anders als die Sympathien in mich aufzunehmen, zu verstärken und auf die Zuschauer zu reflektieren. Das hier ist purer Rock’n’Roll! Der Körpereinsatz mancher Zuschauer lässt vermuten, dass sie am Ende dieses Tages genauso erschöpft sein werden, als hätten sie die Strecke selbst zurück gelegt. Wer sagt eigentlich, dass Norddeutsche kühl und distanziert sind? Das hier steht dem brodelnden Temperament in einem pickepackevollen italienischen Fußballstadion in nichts nach.


Nach fast fünfzehn Kilometern stürmt die Läuferkarawane johlend durch den Wallringtunnel. Weiter vorne beginnen einige rhythmisch zu klatschen, das Echo potenziert das Geräusch, animiert einen nach dem anderen zum mitklatschen, die Frequenz steigert sich zum ohrenbetäubenden Stakkato, bevor die Stimmung in einem machtvollen Jubel aus hunderten Kehlen durch die Röhre dröhnt. Ich könnte stehen bleiben und den Zyklus dieser menschlichen und architektonischen Naturgewalt noch einmal miterleben, doch meine Füße tragen mich weiter. Drüben am Ausgang warten die Sonne und viele andere Menschen auf mich. Die Welle der Euphorie breitet sich aus wie ein farbenfroher Tsunami, der jeden mitreißt, der heute den Schritt in diesen strahlenden Frühlingstag gewagt hat.





Kinderhände und selbst gestaltete Pappschilder recken sich mir entgegen, begierig, abgeklatscht zu werden. Ich versuche, alle mitzunehmen, jeder Klatsch bringt Energie. Das fühlt sich wirklich so an, auch wenn es sich wissenschaftlich nicht nachweisen lässt. Millionenfach höre ich meinen Namen, winke und versuche irgendwie das Dauergrinsen aufrecht zu erhalten. Nach gut der Hälfte des Rennens dürfte es langsam etwas gequält ausfallen, aber Tapferkeit zahlt sich aus, wird dankend aufgenommen und mit Euphoriebonus an mich zurück gegeben. Immer öfter passiere ich Läufer im Gehschritt, die sich eine Verschnaufpause gönnen, bevor sie sich ihrer inneren Stärke wieder bewusst werden und zum Laufschritt zurück finden. Ein paar motivierende Worte von Sportler zu Sportler helfen da schon. Wir alle fühlen den gleichen Schmerz, auf uns brennt die gleiche Sonne herab und die trockenen Lippen freuen sich alle gleichermaßen auf die nächste Trinkstation, wo auch ich mir regelmäßige Pausen gönne. Zeit und Platz sind nur Zahlen auf Papier. Sie verschwinden in einem Stapel anderer Urkunden und Startnummern, verblassen an einer Wand oder geistern bis zur Apokalypse weiter durchs WeWeWe. Hier zählt nur eins und das ist viel mehr: niemals aufgeben!


Dieses Gefühl, ständig zwischen lautem Lachen und stillen Tränen zu schwanken, erfüllt den Brustkorb und pulst bei jedem Schritt in den höllisch schmerzenden Oberschenkeln. Blaue Schilder mit den Kilometermarkierungen schälen sich zwischen Baumkronen heraus in mein Blickfeld. Vor einer Ewigkeit habe ich die magische Dreißig hinter mir gelassen. Warum laufe ich noch? Ich müsste längst tot sein! Aber nein, der nächste Stimmungshotspot schreit mich an, dass ich noch lebe. Und wie! Noch mehr Hände, noch mehr Schilder, noch mehr Rufe. Rockgitarren, wummernde Bässe, Schlagersternchen.


Weiter vorn, wo es wieder etwas stiller wird, kniet jemand am Straßenrand, auf die Ellbogen gestützt, den Kopf nur eine Handbreit über dem Boden. Es ist das einzige Mal, dass ich auf freier Strecke anhalte, sonst nur an den Verpflegungspunkten. Die Frage, ob alles in Ordnung ist, erübrigt sich. Der junge Mann würgt Erbrochenes hervor. Während ich Ausschau nach den Rettungskräften halte, beuge ich mich zu ihm herab, lege ihm die Hand auf den Rücken, rede ihm gut zu. Lass es raus, ich bin bei dir. Du musst das nicht alleine durchstehen. Bleib nur bei Bewusstsein, hörst du? Ein Helfer vom THW hat uns bemerkt und verständigt andere per Funk. Der Läufer kommt wieder auf die Beine, eine Frau reicht ihm Wasser. Es scheint wieder zu gehen. Bevor ich weiter laufe, wünsche ich ihm alles Gute und, gesund zu bleiben. Keine große Sache. Es könnte uns alle treffen und dann wünschen wir uns auch, dass jemand bei uns ist.



Das westliche Alsterufer bleibt hinter mir zurück, bis zum Ziel sind es nur noch ein paar Abbiegungen. Die Schmerzen, die Erschöpfung, die qualvolle Schwere in den Gliedern, alles ist noch da, aber wird verdrängt von der tosenden Welle der Emotionen, die sich Bahn bricht und mich wie elektrisierend jeden einzelnen Schlag meines Herzens spüren lässt. Jetzt! Ja! Genau jetzt und hier ist der richtige Zeitpunkt, allem freien Lauf zu lassen. Jeder Tropfen Wasser auf meinem Gesicht ist hier richtig aufgehoben. Ich balle die Fäuste und schreie meinen Triumph in diesen Wahnsinnstag hinaus, als der rote Teppich mich empfängt, wo er mich vor knapp fünf Stunden in meine einzigartige Entdeckungsreise entlassen hat.





Und so gerät mein Beitrag auch zu einer Liebeserklärung an diese Stadt, die mich seit meinem ersten Besuch eine Woche nach dem Mauerfall in ihren Bann zieht wie kaum eine andere. Eine Stadt, die seit mehr als drei Jahrzehnten einen roten Faden der Faszination durch mein Leben fädelt, der immer dann an die Oberfläche tritt, wenn ich es am meisten brauche. Eine Stadt, mit der ich grandiose Meilensteine und wunderschöne und lebendige Erinnerungen verbinde. Eine Stadt, wo ich nur die Hand nach dem Wasser ausstrecken muss und es ist mir nah, ganz unabhängig von den vielen Sehenswürdigkeiten, die sie dem Betrachter zu bieten hat. Einer Stadt voller begeisterter, temperamentvoller Menschen, die einen einzigartigen multikulturellen Reichtum inmitten all der gewagten Architektur, der Schiffe und der fröhlichen Gelassenheit bilden, die man nur hier und sonst nirgends findet. Hamburg, meine Perle!

Jedem Ausdauersportler möchte ich zurufen: Lauf wenigstens einmal hier deinen Marathon und du wirst es immer in deinem Herzen tragen.

Mach es jetzt.

Warte nicht auf später.

Das Leben ist zu kurz für später!

 

(An dieser Stelle auch ein dickes fettes Dankeschön an Kerstin, Hamburgs charmanteste Gastgeberin für ihre inspirierende Pasta-Kreation, die mir neue kulinarische Horizonte eröffnet hat. Für ein mit viel Hingabe selbst gemaltes Schild, das sie unverdrossen zusammen mit Micha am Bahnsteig den Menschenmassen entgegen gehalten hat, auch dann noch, als alle weg waren und der gute alte Ted von der falschen Seite gekommen ist. Ihr beide, Kerstin und Micha, mein Marathonbegleiter mit eigenem Erfolgserlebnis, wart der Garant dafür, dass es dieses Wochenende mit mir besonders gut gemeint hat!)



1 Comment


Michael Greger
Michael Greger
May 07, 2024

Hallö Ted, vielen Dank dass wir in diesem Blog erwähnt sind und noch viel mehr dass wir dieses einmalige Wochenende zusammen in Hamburg verbringen konnten und den Marathon gemeinsam gelaufen sind. Unglaublich wie Du Dich aus dem gesundheitlichen Tal des letzten Jahres wieder heraus gekämpft hast und nun sogar wieder Marathon läufst 👏💪👍. Ich würde sagen, das machen wir nächstes Jahr gleich nochmal 😊😎🌞.

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