Tief einatmen!
- Ted Mönnig
- 6. Sept. 2023
- 5 Min. Lesezeit

Heute ist mein Glückstag!
Die Sonne scheint zum Fenster herein, so still und freundlich, dass sie mich nicht zärtlicher hätte wecken können. Ah, es ist kurz nach sechs Uhr, im Urlaub eigentlich die Zeit, sich noch mal herum zu drehen und in die warme Decke zu kuscheln. Aber an Schlaf ist nicht mehr zu denken, obwohl der gestrige Tag elend lang und die zurück liegende Nacht für meine Verhältnisse viel zu kurz war.
Die Sonne scheint, was auf den Färöer-Inseln etwa so häufig vorkommt wie Traurigkeit bei Lachmöwen. Schließlich verbringe ich diese Tage in einem Land, das in der weltweiten Statistik der Sonnenstunden nur deswegen nicht den letzten Platz belegt, weil es noch Gebiete jenseits der Polarkreise gibt.

Die Sonne scheint und so kann ich kaum liegen bleiben! Flugs in die Laufsachen geschlüpft, mich mit dem Handy bewaffnet, um unterwegs möglichst viel um mich schießen zu können und raus an die frische Luft! Im Gegensatz zu der eben erwähnten Statistik kann sich dieses Archipel rühmen, bei der Luftqualität im Weltmaßstab einen Spitzenplatz zu belegen. Das spüre ich jedes Mal, wenn ich vor die Tür trete. Es ist verdammt frisch, wenn man bedenkt, dass die Freunde zuhause bei fast dreißig Grad in der Sonne stöhnen. Gerade einmal acht Grad zeigt die Uhr, und ich renne in kurzen Hosen und kurzärmeligem Shirt draußen herum. Bevor praktische Überlegungen mich wieder zurück zwingen, verfalle ich in leichten Trab. Meine Schritte führen mich zunächst die abschüssige Straße hinab Richtung Innenstadt und nach kurzer Zeit habe ich auch den Fährhafen erreicht. Von einer Klippe grüßt ein kleiner Leuchtturm und grasbewachsene Dächer erregen mein Interesse. Einen kurzen steilen Anstieg später finde ich mich inmitten einer alten Festungsanlage wieder, von wo ich einen fantastischen Blick auf die südöstlich gelegene Nachbarinsel Nòlsoy habe. Mächtig ragt sie aus dem Meer hervor, von Süden her sanft ansteigend, nur um mit einem dramatisch steilen Hang nach Norden und Westen wieder abzufallen. Genau diese Gegensätze machen den landschaftlichen Reiz der Inselgruppe aus, ganz gleich, wo wir hin geraten. Sanfte Hügel, schroffe Klippen; ein immer wieder kehrendes Bild, an dem ich mich niemals werde satt sehen können! Wohin mein Blick auch schweift, wohin ich meine Schritte auch lenke, immer wieder entfahren mir Ausdrücke wie „Wow“ und „Ahhh“ und „Ohhhh“. Als Gott dieses Land aus der Tiefe hervor gehoben hat, musste er teuflisch guten Sex mit seinem Hirn gehabt haben.

Eine Weile folge ich dem Verlauf der Strandstraße, bis ich einen schmalen gewundenen Pfad gewahre, der sich alsbald zwischen den Klippen zu verlieren scheint und in einiger Entfernung bei ein paar höher gelegenen Fischerhütten wieder zu sehen ist. Genau das Richtige für mich! Abermals halte ich inne, nehme ein paar tiefe Atemzüge und lasse Blick und Kamera das magische Licht des jugendlichen Tages einfangen. Im Zickzack geht es hinauf und wieder hinab bis zu einer stillen Bucht, wo ein Steg aus Beton zu einem waghalsigen Sprung ins eiskalte Atlantikwasser einlädt. Dies hier hat der Veranstalter des ATJAN WILD ISLANDS Festivals, an dem ich die nächsten Tage auch teilhaben werde, zur Badestelle erkoren. Dieses Vergnügen werde ich mir auf keinen Fall nehmen lassen, jedoch an einem anderen Tag, wenn ich Badesachen mitbringe. Wer sich traut, darf hinterher auch in einem der drei oder vier Hot Tubs entspannen, die hier noch abgedeckt stehen.

Erfüllt von dieser Vorfreude setze ich meine Runde fort, die in einem schier endlos langen Anstieg wieder hinauf in städtische Gefilde führt. Kurz bevor ich ein Gewerbegebiet mit allerlei Autohäusern erreiche, passiere ich einen linkerhand gelegenen kleinen, in seiner Schlichtheit ergreifend idyllischen Friedhof mit einem grandiosen Ausblick über die Meerenge zur Insel Ortschaft Nes am südlichsten Zipfel der Insel Eysturoy. Hier teilt sich der mächtige Wasserlauf in den Soldarfjordur Richtung Nordosten und die inseltrennende Meerenge, die weiter nördlich bei der Ortschaft Oyrarbakki ihre schmalste Stelle erreicht, wo eine Brücke die Bewohner beider Seiten verbindet. Über diese Brücke werde ich morgen mit dem Bus fahren, wenn ich meine erste von zwei geplanten Wanderungen machen möchte.
Ich muss ein wenig suchen, bis ich den richtigen Weg finde, der mich allmählich zum Ende meiner Runde führen soll. Über verschlungene Pfade und kleine Holzstege, die munter dahin plätschernde Bachläufe überspannen, erreiche ich einen kleinen Wasserfall, der sich mir via Google Maps als Svartefoss vorstellt. Ähnlich einem Ypsilon ergießt er sich in einen kleinen Teich, dessen Abfluss nach einigen Windungen in einem zerklüfteten Tal entschwindet. Bald kommen die Flutlichtmasten des Stadions in Sicht, in dessen Hörweite sich auch mein Appartment befindet. Wenn ich jetzt schon gefrühstückt hätte, würde ich fast bedauern, dass meine erste Laufrunde hier sich schon ihrem Ende nähert. So aber ist mein Appetit auf mehr und ein fürstliches Frühstück geweckt.
Dafür habe ich das Cafè „Paname“ auserkoren, das sich zwischen einer Art Einkaufsstraße und der Altstadt in einem kleinen, typisch skandinavisch rot gestrichenen Holzhaus an einer Kreuzung befindet. Als ich eintrete, fühle ich mich sofort gut aufgehoben. Ein paar der Tische in dem urigen Gastraum sind noch frei und bevor ich mich für einen ruhigen Platz in einer Ecke entscheide, entdecke ich rechterhand und geradeaus Durchgänge zu Buch- und Souvenirgeschäften. Hier lässt es sich also länger als nur ein paar Tassen Kaffee aushalten. Das Frühstück ist schnell serviert und sehr schmackhaft. Wenn mir nicht schon auf meiner morgendlichen Laufrunde jegliches Zeitgefühl abhanden gekommen wäre, dann hätte es dieses kleine Refugium hier geschafft. Das wohlige Gefühl von Entschleunigung, das vielen Urlaubsreisen unserer freizeitgestressten Gesellschaft fehlt, ist hier regelrecht greifbar. Nach dem ersten Frühstück bestelle ich deswegen gleich noch ein zweites. Und weil es mir hier so gut gefällt, nehme ich mir vor, am Nachmittag mit dem Laptop wieder zu kommen und hier meinen Tag bei ein paar Tassen Kaffee in Worte zu fassen.

Gut gesättigt unternehme ich zunächst einen kleinen Erkundungsgang. Neben dem Plan, mir für die nächsten Tage ein Ticket für die blauen Überlandbusse zuzulegen, möchte ich auch ein wenig die urtümliche und verwinkelte Altstadt ansehen und Ausschau nach einem Supermarkt halten, wo ich ein paar Lebensmittel organisieren kann, um nicht jeden Tag im Café frühstücken zu müssen – so schön es auch ist. Schon umgibt mich ein schieres Wirrwarr von Gassen, engen Fußwegen und Treppen, die sich zwischen niedrigen Häuschen hindurch schlängeln und immer wieder überraschende Blicke auf den Bootshafen und den angrenzenden Fährhafen gewähren. Im Nebel, der sich vom Meer her immer weiter nähert und leichten Nieselregen mitgebracht hat, kann ich die Silhouette eines gewaltigen Kreuzfahrtschiffes ausmachen, das wie ein Hochhaus am Kai empor ragt und so gar nicht in dieses Bild passt.

Nicht nur was die nackten Zahlen angeht, ist Torshavn anders. Mit etwas mehr als zwanzigtausend Menschen eine der kleinsten Hauptstädte der Welt; gerade einmal doppelt so groß wie Dinklage und ebenso überschaubar, wenn die räumliche Ausdehnung und die zerklüftete Topografie nicht wären. Zum Beispiel liegt meine Unterkunft am Tingshusvegur, was in der Landessprache so viel wie „Parlamentsstraße“ heißt. Doch wo wir uns in der Gewohnheit anderer Metropolen mehrspurige Boulevarde mit schwer bewachten Riesenklötzen vorstellen, dessen Messingschilder teils größer sind als manche Eingangstür normaler Wohnhäuser, passen hier gerade einmal zwei entgegenkommende Autos knapp aneinander vorbei.

Die Straße ist gesäumt von den landesüblichen eingeschossigen Holzhäusern, von denen viele mit grasbewachsenen Dächern aufwarten. Die Vorgärten sind klein und liebevoll gepflegt. Ich erblicke sorgfältig angelegte Gemüse- und Blumenbeete und zwischen den Häusern immer wieder versteckte grüne Idyllen, in die schmale gewundene Pfade führen.
Hier gibt es noch viel zu entdecken!
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