Crivitz - eine Heimkehr
- Ted Mönnig
- 31. Okt. 2024
- 5 Min. Lesezeit

Ich habe mich auf den Weg gemacht.
Mal wieder.
Ganz profan, mit einer Reisetasche, auf einer Zugverbindung.
Und doch ist es ein besonderer Weg. Die Gedanken, die mich mit dieser Reise verbinden, drängen mich, sie niederzuschreiben, sie aufzubewahren in meiner ganz persönlichen Schatzkiste der Erinnerungen, Sinneseindrücke, Begegnungen.
Als ich mich Ende August 1987 auf den Weg machte, war mein Ziel der gleiche Ort wie heute. Damals eine Reise in einen neuen Lebensabschnitt. Ein Weg, der mich mit der ersten richtigen Herausforderung meines noch jungen Lebens konfrontierte. Ich war kurz zuvor 17 Jahre alt geworden und schickte mich an, nach abgeschlossener Schule einen Beruf zu erlernen. Einen Beruf, von dem ich nur eine vage Vorstellung hatte – darin unterschied ich mich kaum von der jetzigen Generation junger Menschen, die in die Ausbildung starten. Erst im Laufe des nunmehr fast 35jährigen Berufslebens konnte ich herausfinden, wohin mich dieser Weg wirklich führen sollte, auf dem ich 1987 die ersten forschen wie unsicheren Schritte gemacht habe.
Crivitz.
Ein Name, den ich bis vor wenigen Wochen zuvor noch nie gehört hatte. Eine Kleinstadt, so klein, dass alle sich wunderten, wie sie an ihr Stadtrecht gekommen ist. Etwa zwanzig Kilometer südwestlich von Schwerin gelegen, Unendlichkeiten entfernt von der Stadt, in der ich aufgewachsen bin. Eine Zugfahrt von acht Stunden, die letzte Etappe mit dem Bus gar nicht mitgerechnet. So weit weg von zu Hause, über Wochen, Monate. Mit Unterbrechungen über drei lange Jahre hinweg. Eine gänzlich neue Erfahrung, eine Herausforderung, von der ich nicht wusste, wie ich sie meistern sollte. Eine Herausforderung, an der ich ein ums andere Mal verzweifelte. In stillen Momenten weinend auf meinem Bett saß oder lag, vor Heimweh nach den vertrauten Orten meiner Kindheit, vor lauter ungelösten Problemen, die sich vor mir auftürmten, vor Kränkungen und Niederlagen und vor dem alles fressenden Gefühl tiefer Einsamkeit.
Du kannst bei Dunkelheit alleine um den Crivitzer See gehen und fühlst dich lange nicht so einsam wie in einer schlaflosen Nacht in einem Sechsbettzimmer.
Kennst Du das Nest, wo die Sonne nie lacht?
Wo man aus Menschen Verrückte macht?
Wo man vergisst Schönheit und Tugend?
Das ist Crivitz, das Grab meiner Jugend.
So steht es in der spaßig gestalteten Zeitung zu unserem Abschluss. Zuweilen habe ich das tatsächlich so empfunden und die Sehnsucht, von dort zu verschwinden, war mehr als einmal so groß, dass ich mich sofort notfalls auch zu Fuß auf den Weg nach Hause gemacht hätte.
Was also zieht mich heute ausgerechnet an diesen Ort? Der einfachste Grund ist die Einladung, die ich vor über einem Jahr in meinem Briefkasten gefunden habe. Klassentreffen. Wunderbar. Wie ein kleiner Junge an seinem Geburtstag habe ich mich gefreut. Das letzte liegt schon fast zwanzig Jahre zurück. Höchste Zeit also für ein ausgelassenes Wiedersehen mit den Menschen, mit denen ich damals Zimmer, Flur, Waschbecken, Schulbank, Turnhalle und Aschenbahn geteilt habe. Die vermutlich an ihrer eigenen Herausforderung genauso zu verzweifeln schienen wie ich selbst. Die vermutlich genauso Heimweh und Einsamkeit empfunden haben und die Tränen schnell verstecken mussten, bevor sie jemand sieht.
Neben all diesen Empfindungen hat diese Zeit natürlich noch eine ganz andere Seite. Mehr noch als viele andere Herausforderungen, denen wir uns im Laufe unseres Lebens stellen müssen, ist diese geeignet, daran zu wachsen. Die Altersgenossen, die uns umgeben, die vor den gleichen Aufgaben stehen – und damit ist nicht nur die nächste Klassenarbeit gemeint – eint der Wille, diese Zeit zu meistern. Zu überleben. Jeder entwickelt seine eigene Strategie. Es sind nicht die kleinen und größeren Erfolge, die uns formen. Es sind die Hürden, die wir überwinden müssen, ob nun vorbereitet oder nicht. Überraschende Wendungen, zum Guten wie zum Schlechten. Es ist eine neue Stufe im Schwierigkeitsgrad der persönlichen Entwicklung, die manch einen der zwanzig vormals Klassenbesten an seine Grenzen bringt. Vergangenes zählt nicht mehr, die Zeugnisse der 10. Klasse sind nur noch Papier.
Zwanzig Jugendliche aus dem kleinen und doch so großen Kosmos der Republik, eingezwängt in einem Wohnheim, das nicht mehr als eine Baracke war. Zu viert bis sechst in einem Zimmer. Stählerne Etagenbetten, Spinde, in der Mitte oder Ecke ein Tisch mit Stühlen. Duschen, Toiletten und Waschräume den Gang runter. Betreuer, die eher wie Aufseher wirkten. Zum Schulgebäude ging es einen kurzen Fußweg hinauf. Jeden Tag, bei jedem Wetter und egal, wie dreckig es uns ging. Unterricht von montags bis samstags. Samstag gab es eine „nullte“ Stunde, damit am Mittag der Bus nach Schwerin zum Bahnhof fahren und die meisten von uns ins heimatliche Wochenende entlassen konnte. Manche verzichteten auf die Heimfahrt, weil sie zu lang war. So verlockend die eine Nacht im eigenen Bett auch gewesen sein mag, sie war nie mehr als das: eine Nacht. Acht Stunden Zugfahrt in jede Richtung ließen zumindest für mich nicht mehr zu. Und so wurden auch Wochenenden zu Herausforderungen.
Zurück blickend war Crivitz die wertvollste Zeit meines Lebens; und auf ihre ganz raue und unbequeme Art auch die schönste. Die Zimmergenossen von früher sind heute immer noch meine Freunde.
Crivitzer Freundschaften halten. Sie sind im Sturm und an dunklen Tagen gewachsen, wie wir. Wir haben aus der Zeit, die wir zusammen verbracht haben, das Beste gemacht. Über den Büchern gebrütet, einander die Vokabeln abgefragt, uns verspottet, den Musikgeschmack des jeweils anderen verflucht, die Eigenheiten jedes Einzelnen kennen, lieben und hassen gelernt. Das Schnarchen und furzen im Bett, die Tanzabende im Kulturhaus, die Kneipenabende bei Walter. Ferienerlebnisse, persönliche Einsichten und Liebeskummer geteilt. Wir haben einander in glücklichen, lustigen, besinnlichen, peinlichen und traurigen Momenten erlebt, so nah wie man es nur kann, wenn man wochenlang aufeinander hockt. Im See gebadet und zusammen Weihnachtslieder gesungen. Das bleibt.
In diese Zeit fallen nicht zuletzt drei Ereignisse, die zumindest für mich bis heute von entscheidender Bedeutung sind.
Im Sommer 1988 zerbrach meine Familie durch die Scheidung meiner Eltern. Ich war für die Sommerferien nach Hause gekommen und sah mich auf mich selbst gestellt. Eine schockierende Erfahrung, die ich keinem Kind oder Jugendlichen jemals wünschte. Das Zuhause, das mir meine ganze Kindheit und frühe Jugend hindurch ein Hort der Geborgenheit gewesen war, zerlegte sich vor meinen Augen in seine Einzelteile. Nichts war mehr, wie ich es bisher gekannt hatte. Mit dieser neuen Art von Einsamkeit hatte ich lange zu kämpfen, bis ich sah, dass diese zerbrochene Familie die Chance war, dass sich zwei neue Familien bilden konnten.
Im gleichen Sommer, sechs Tage vor meinem 18. Geburtstag, mitten in diesem Gefühlschaos, machte ich mich auf den Weg, eine der prägenden Persönlichkeiten meines Lebens zum ersten Mal live zu sehen. Bruce Springsteen war für ein einziges Konzert in die DDR gekommen. 160.000 Karten wurden offiziell verkauft, aber es ist längst kein Gerücht mehr, dass sich über 300.000 Menschen an diesem Abend in Weißensee eingefunden haben sollen. Noch heute ist man als „Weißenseer“ eine Legende unter den deutschen Fans. Was die Musik dieses Mannes mit mir macht, hatte ich in einem früheren Beitrag schon einmal erwähnt. Ich kann rückblickend sagen, dass ich als Junge zu dieser Bühne gekommen war und ihr als Mann den Rücken kehrte.
Und dann war da noch diese Zeit, die als Anfang vom Ende des Kalten Krieges in die Geschichtsbücher einging. In der alles, was bis dahin von Bedeutung war, Stück für Stück zu einem Kartenhaus aus Illusionen wurde, das im Zeitraffer in sich zusammen fiel. Wo Überzeugungen, die in Stein gemeißelt schienen, dermaßen auf die Fresse bekamen, dass sie krachend zu Boden gingen und Jahre brauchten, um sich zaghaft und auf ihre Essenz reduziert, wieder aus der Asche zu erheben. Überzeugungen, die niemals gestorben sind und heute stärker denn je in modernem Erscheinungsbild Hoffnung und Zuversicht verleihen.
Crivitz. Grab meiner Jugend? Mitnichten! Crivitz, Teil meines Lebens. Ein unverzichtbarer Teil. Einer, der mich menschlich geformt, mental bereichert und entscheidend zu dem gemacht hat, was ich heute bin. Das kann ich mit 34 Jahren Abstand immer noch sagen. Es gab natürlich auch im weiteren Verlauf meines Lebens große Herausforderungen, die es zu meistern galt, ob gewollt oder nicht. Aber diese war die erste von vielen und sie hat mir die Gewissheit gegeben, dass ich alles schaffen kann, was ich mir vornehme. Nur, weil ich Crivitz geschafft habe. Diese wertvolle Erkenntnis werde ich genießen, wenn ich am Samstagabend mit den anderen "auf die alten Zeiten" anstoße. Die Vorfreude könnte nicht größer sein.
Ted, dein „Crivitz - Eine Heimkehr“ ist einfach schön .
Sven