Hermannslauf 2022
- Ted Mönnig
- 25. Apr. 2022
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 22. Aug. 2022
Aufgrund einiger Verletzungen und krankheitsbedingter Rückschläge in der Vorbereitung hatte ich mir schon bei der Anmeldung jegliche Ambitionen aus dem Kopf geschlagen. Als erwartete Zielzeit hatte ich mit 3:45 h das größtmögliche Zeitfenster gewählt und wurde folgerichtig in die letzte Startgruppe „E“ eingereiht. Gut so! Meine Ziele waren, es zu genießen und möglichst mit einem Lächeln durch den Zielbogen zu laufen.

Es wurde ein Tag zum Niederknien. Schon morgens strahlendblauer Himmel, an dem nur einzelne kleine Schäfchenwolken ihre Bahnen zogen. Die Temperaturen mit 6°C noch recht frisch, so dass ich auf dem Weg von der Unterkunft zum Bus rasch vom Gehschritt in lockeren Trab wechselte, um etwas warm zu werden. Ich nahm einen der ersten Busse, weil ich im Startareal am Hermannsdenkmal noch etwas Atmosphäre aufsaugen wollte. So ließ ich mich mit einem Becher Kaffee am Rand nieder und ließ Scharen bestens gelaunter Läuferinnen und Läufer an mir vorüber ziehen. Die Sonne gewann an Kraft und wärmte bald auf angenehme Art.

Um 11:00 Uhr stürmten die Cracks der ersten Startgruppe „A“ auf die Strecke, ich hatte da noch etwas Zeit. Um 11:24 Uhr war es dann soweit und der Sprecher schickte mich gemeinsam mit vielen Gleichgesinnten mit dem „E“ auf der Brust bei den Klängen von „We will rock you“ von Queen auf die Strecke. Die Stimmung war ausgelassen und wenn ich nicht schon viel früher davon angesteckt gewesen wäre, dann hätte mich die allgemeine Fröhlichkeit spätestens jetzt vollends erwischt.
Vom Hermannsdenkmal geht es steil bergab (20% Gefälle) ins Tal. Wer schlau ist, lässt es gemächlich rollen und sucht sich ein Plätzchen im bunten Feld, wo es nicht ganz so eng zugeht. Immerhin bildet die Startgruppe E mit ungefähr 4.500 Teilnehmern den Großteil der fast 7.000 Trailrunning-Verrückten, die sich nun in einer schier endlosen Karawane durch den östlichen Teutoburger Wald Richtung Bielefeld durchkämpfen.

Und der Lauf entwickelt sich wahrhaft zum Kampf! Nach etwa 5,5 km erwartet mich der erste richtige Anstieg. Nicht besonders steil, aber mit anderthalb Kilometern Länge auf Dauer ziemlich zermürbend. Als Flachlandtiroler meiner Spezies ist man allenfalls die Dammer Berge mit kurzen knackigen Steigungen gewöhnt, und das hier ist nochmal eine ganz andere Nummer. Eine alte Binsenweisheit, die wir Läufer uns gerne zu Eigen machen, lautet: „Wo ein Anstieg ist, geht es irgendwann auch mal wieder runter.“ Und tatsächlich erwartet mich, nachdem ich den Sattel zwischen Allhornberg und Großem Ehberg erklommen habe, ein langer angenehm zu laufender, weil leicht abschüssiger Streckenabschnitt, der mich zum ersten Stimmungshotspot trägt. Auf der breiten Panzerstraße aus Betonplatten laufe ich durch ein Spalier begeistert anfeuernder Zuschauer. Es gibt was zu trinken, bevor es wieder zurück in den Wald geht. Das gibt Körner für den weiteren Streckenverlauf, der es in sich hat.
Schon nach ein paar Kilometern recht gut zu laufender Strecke – wenn man mal von dem wechselweise steinigen und sandigen Untergrund absieht – erhebt sich vor mir der beeindruckende Tönsberg, auch bekannt als „Eiger-Nordwand des Hermannslaufes“. Dort muss ich hinauf! Genau dafür liebt man Trailrunning… oder auch nicht. Und während ich mich im Gänsemarsch mit den Mädels und Jungs um mich herum die 900 Meter lange und stetig brutaler werdende Steigung bewältige, taucht in meinem Kopf die immer wieder kehrende Frage auf, wofür man sich sowas freiwillig antut. Die Antwort bekomme ich als Belohnung nach einem endlos langen Wegstück durch die Wälder, das mich mitten hinein ins Bergstädtchen Oerlinghausen führt. Schon von weitem sind die Trommeln und wuchtigen Bässe der Musikanlagen zu hören, noch lange bevor ich in dieses Volksfest aus klatschenden, rufenden und lärmenden Menschen beiderseits der Straße eintauche. Aber Obacht! Es ist stark abschüssig und das Kopfsteinplaster ist tückisch. Die Augen bleiben lieber auf der Straße, während die Ohren das einfangen, was zur Gänsehaut führt. Das ist gut so, denn immerhin habe ich nun schon 19 der insgesamt rund 31 km in den Beinen – was deutlich zu spüren ist.
Kurz nachdem man die Stadt hinter sich gelassen hat, passiert man den tiefsten Punkt der Strecke – und ja: von dort muss man sich wieder hinauf arbeiten! Wie eine Wand erhebt sich der Anstieg am Ende des Schopketals vor mir und mir wird klar: wenn ich jetzt stehen bleibe, komme ich keinen Schritt mehr weiter. Nicht nur die Anwohner mit ihren Anfeuerungsrufen tragen uns den Berg hinauf, sondern auch wir Sportler motivieren uns gegenseitig und man spürt die Dankbarkeit dafür. Das hier ist wahrlich kein gewöhnlicher Sonntagsausflug!

Als ob man hier nicht schon entkräftet wäre, erwartet mich nun ein weiteres „Highlight“: die Lämershagener Treppen! 85 an Unregelmäßigkeit kaum zu überbietende, immer steiler werdende Stufen und nach einer kurzen „Verschnaufpause“ über einen Waldweg eine weiteren Treppen-Etappe mit 40 Stufen aus Eisenbahnschwellen. Oben gibt es eine Bank! Die kleine Pause mit einem Schluck Wasser tut gut, aber ich muss weiter und mich erwarten noch beinharte letzte 10 km. Die offiziellen Angaben des Veranstalters mit 515 Höhenmetern aufwärts und 710 abwärts lesen sich so schön leicht. Aber gerade wenn es ans Eingemachte geht, verläuft der Weg gefühlt nur noch bergan. Mein Lauf wird mehr und mehr zur strammen Wanderung, auch kurze Anstiege beginnen strapaziös zu werden.

Bei Kilometer 27 muss ich nochmal alle Kräfte mobilisieren, um den letzten Berg zu bezwingen. Dann geht es auf 3 km mehr oder weniger flüssig bis ins Ziel, das sich unweit der Bielefelder Sparrenburg befindet. Die wieder zahlreicher werdenden Zuschauer rufen, klatschen und motivieren zu den letzten schweren Schritten. Insofern fällt mein Lächeln etwas gequält aus, als ich nach 3:50:36 h (Zeit nach Uhr, offizielle Ergebnisse noch nicht verfügbar) endlich die Ziellinie überquere. Ich bin so geschafft und überwältigt, dass ich noch nicht mal mehr die Kraft habe, meinen Emotionen freien Lauf zu lassen.
Der Hermannslauf wird von Insidern nicht umsonst „ein gefühlter Marathon“ genannt, obwohl die Distanz „nur“ 31,1 km beträgt. Und auch der Schlachtruf „Niemand erobert den Teutoburger Wald!“, den sich die Fans des SV Arminia Bielefeld zu Eigen gemacht haben, hat angesichts dieser Tortur seine Berechtigung. Obwohl hier eine ganze Armee von „Eroberern“ unterwegs war, können alle nachfühlen, wie es seinerzeit den Römern ergangen sein muss.
(C) T. Mönnig, 25.04.2022
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