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Die grüne Hölle lässt schön grüßen

  • Autorenbild: Ted Mönnig
    Ted Mönnig
  • 20. Aug. 2022
  • 14 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 22. Aug. 2022

Montag


Die Anreise gestaltet sich holprig, und das darf man wörtlich nehmen. Ist die Nordwest-Bahn in Osnabrück noch einigermaßen pünktlich, so dass ich den knappen Anschluss erreichen kann, werden meine Nerven im Regional-Express Nr. 2 nach Duisburg schon merklich strapaziert. Minute reiht sich an Minute und das bei einer prognostizierten Umsteigezeit von gerade mal acht Minuten. Hinzu kommt, dass der Waggon so überfüllt ist, dass die Leute mit ihrem Gepäck in den schmalen Gängen stehen müssen und eigentlich niemand mehr durchkommt, noch nicht einmal zur Toilette. So wundert es mich auch nicht, dass kein Zugbegleiter die Fahrkarten kontrolliert. Stichwort Gepäck: wo soll ich meine Reisetasche unterbringen, wenn zwischen Ablagefach und Decke gerade mal Platz für einen Aktenkoffer ist? So verbringt das Monstrum die 2 Stunden zwischen meinen Beinen und ich räume schon in Gelsenkirchen meinen Sitzplatz, um mich auf den letzten 3 Stationen bis zur Tür vor zu kämpfen.


Außer Puste erreiche ich gerade so meinen Anschlusszug Richtung Koblenz. Innerhalb der zwei Minuten, die mir verblieben sind, durch den Tunnel und das Gewühl zum nächsten Gleis zu gelangen, darf schon als sportliche Höchstleistung bezeichnet werden. Durch die Maske nach Luft ringend lasse ich mich in den Sitz fallen. Jetzt wird es wohl besser werden, von Duisburg nach Bonn ist es ja nicht so weit. Gut eine Stunde Fahrt, sagt die App. Den Zahn zieht mir die Bahn schon kurz hinter Leverkusen. Aus den Lautsprechern meldet sich die schnarrende Stimme des Zugbegleiters und erklärt, dass wegen der Sperrung des Kölner Hauptbahnhofes – Bahn-deutsch: Person im Gleis, für den Betroffenen wohl das Ende – keine der drei Stationen in der Millionenstadt angefahren werden kann und der Zug über eine Nebenstrecke umgeleitet werden muss. Das alles zieht sich merklich in die Länge und der Regional-Express bewegt sich mit der Geschwindigkeit einer Museumsbahn. Inzwischen schaue ich nicht mehr auf die Minuten, sondern auf die Anzahl der S-Bahnen, die ich in Bonn verpassen werde. Genau zwei sind es, die mir in der knappen Dreiviertelstunde davon fahren, die dritte erwische ich gerade eben.


In Rheinbach soll ich in einen Bus umsteigen, der stündlich nach Ahrbrück fährt. Schon jetzt ist abzusehen, dass ich die Verbindung, die mein Reiseplan vorgibt, vergessen kann. Mit dem Hintergedanken, dass ich ja Urlaub und damit alle Zeit der Welt habe, nehme ich den unfreiwillig verlängerten Aufenthalt in Kauf und genehmige mir im Bahnhofsbistro einen Kaffee. Mir bleibt auch Zeit, den über Bord gegangenen Reiseplan nach neuen Varianten zu durchforsten, mit der Erkenntnis, dass die letzte mögliche Busfahrt von Adenau nach Nürburg nicht mehr erreichbar ist. Mir bleibt nun, die verbliebenen zwei Fahrten lang zu überlegen, wie ich das letzte Stück meiner Anreise gestalten will. Im Prinzip habe ich nur zwei Möglichkeiten: Ein Taxi oder zu Fuß.


Meine Gedanken werden von den Bildern unterbrochen, die sich mir auf der Fahrt nach Ahrbrück bieten. Beim Blick aus dem Fenster sehe ich sehr deutlich, dass die Zerstörungen, die die Katastrophe von vor einem Jahr angerichtet hat, immer noch tiefe Wunden in den Orten und der Landschaft hinterlässt. So langsam bekomme ich eine Ahnung, mit welcher Wucht das Wasser sich seinen Weg gebahnt haben muss. Es ist grauenhaft anzusehen, wie einst mächtige Steinbogenbrücken einsam, nutzlos und zerrissen den Fluss überspannen, der nun extremes Niedrigwasser führt. Längst sind neue Behelfsbrücken errichtet worden, Häuser erstehen neben teils noch immer liegenden Schutthaufen und auch die Wunden in den Seelen der Bewohner verheilen nur langsam, wie man an den vielen Transparenten mit einem einzigen Wort – „DANKE“, oft mit einem Herz versehen – unschwer erkennen kann. Trotz des unübersehbar tapferen und unermüdlichen Wiederaufbaues habe ich einen Kloß im Hals und muss mich abwenden, um die Tränen zurück zu halten. Was, wenn es mein Haus gewesen wäre, meine Familie, Freunde, Nachbarn?


Der Bus erreicht den Bahnhof in Ahrbrück, wo aktuell noch keine Züge fahren und ich springe direkt in den nächsten Bus, der mich zum Markt von Adenau kutschieren soll. Mangels echter Alternativen habe ich mich schon mal über die Distanz eines möglichen Fußweges schlau gemacht und finde, dass die gut sechs Kilometer für mich wohl kein ernstes Hindernis darstellen sollten. Und so schnappe ich mir meine Reisetasche, die glücklicherweise auch ein Rollkoffer ist und meine Umhängetasche mit dem Laptop, decke mich in der nächsten Bäckerei mit zwei Laugenstangen ein und marschiere in die Richtung, die mir Google Maps als die richtige auserkoren hat.


Nach einer knappen halben Stunde lasse ich Adenau hinter mir und bekomme schon überdeutlich vor Augen geführt, in was für einer Region ich gelandet bin. Eine Brücke mit hohen Lärmschutzwänden (oder ist es eher Sichtschutz?) und einem großen roten Hinweisschild überspannt die Ausfallstraße. Die Geräusche, die die Rennstrecke her gibt, können nicht vollständig unterdrückt werden. Hier ist die Breidscheider Zufahrt zur legendären Nordschleife des Nürburgrings. Einige Schritte weiter erwartet mich eine Überraschung, die eigentlich keine ist: der Bürgersteig endet und es gibt nichts, wo ein Fußgänger gefahrlos an der Straße entlang marschieren kann, schon gar nicht mit Gepäck. Wo sind hier die anderthalb Meter breiten Radwege, die ich aus unserem Oldenburger Münsterland gewöhnt bin? Ich wäre ja schon mit einem halben Meter zufrieden gewesen, aber noch nicht einmal jenseits des Bordsteins kann man gehen, ohne hier und da in einen Graben zu rutschen. In beiden Richtungen wechseln sich LKW’s, die eher unscheinbaren Serienfahrzeuge der Anwohner und die röhrenden Kisten der Rennstrecken-Touristen ab. Da wird einem Angst und bange und zum ersten Mal bekomme ich das Gefühl, ein Alien zu sein, ein English-Man in New York. Glücklicherweise leitet mich Tante Google nach einigen hundert Metern auf eine Seitenstraße, die schnell an Steigung gewinnt. Hier ist kein Verkehr mehr, aber der Aufstieg beginnt schweißtreibend zu werden. Die Spätsommersonne brennt zu dieser Nachmittagsstunde unbarmherzig vom blauen Himmel, kein Wölkchen hat Mitgefühl mit mir und schiebt sich für ein paar Minütchen davor. Ich zerre meinen Koffer hinter mir her, wische mir den Schweiß von der Stirn und verscheuche Insekten, alles irgendwie gleichzeitig. Nach jeder Biegung, die der Weg beschreibt, scheint die Steigung noch steiler zu werden. Klar, Hocheifel!



Nach über anderthalb Stunden unablässigen Aufstiegs auf teils schwierigem bis unmöglichen Untergrund erreiche ich endlich das Hotel. Stop! Habe ich Hotel gesagt? Das Hinweisschild an der Straßenecke weist auf ein Hotel hin, doch was ich hier sehe, ist ein etwas zu groß geratenes Einfamilienhaus, das seine besten Tage schon längst hinter sich hat. Ein paar Treppenstufen hinunter kann ich eine kleine Terrasse ausmachen, an deren Tisch ein Mann im Unterhemd sitzt und Kartoffeln schält. Es scheint eine Küche zu geben. Gut, ich habe inzwischen ordentlich Kohldampf. Aber wo ist der Eingang? Der Mann auf der Terrasse schaut kurz auf, als er mich sieht, widmet sich dann aber wortlos wieder seiner Aufgabe. Ich gehe um das Haus herum, sehe einen geschotterten Parkplatz mit einem Transporter, sehe eine vertrocknete Wiese mit einem umgekippten Wäscheständer, sehe ein schmuddeliges Haus ohne jegliche Annehmlichkeiten, die Hotels sonst so anpreisen. Ich erinnere mich, im Buchungsportal von einem Balkonzimmer mit Bergblick gelesen zu haben. Hier sind keine Balkons zu sehen. Ich komme wieder auf die Terrasse und frage nun laut, ob es sich hier um das beschriebene Hotel handelt. Der Mann im Unterhemd nickt nur und zündet sich eine Zigarette an. Nächste Frage: wie komme ich hier rein? Die Hand mit dem Glimmstängel weist auf eine bis dahin nicht sichtbare Tür. Beim Näherkommen erkenne ich, dass etwas dran geklebt ist. Ein Umschlag mit meinem Namen und ein paar Worten in Englisch. Zimmer sieben soll hier mein Obdach für die nächsten zwei Nächte sein. Ich soll eine niederländische Rufnummer anfunken, um zu erfahren, wann es Frühstück gibt. Ich schnappe mir den Schrieb und steige zwei Treppen bis unters Dach, wo mir meine Zimmertür entgegen grinst. Das Schloss lässt sich nur mit einiger Fummelei öffnen. Einmal eingetreten, überrascht mich nichts mehr. Wenn’s hoch kommt, acht Quadratmeter, ein Bett, ein Schrank, ein Bad. Weniger Komfort hätte eine Kammer im Kloster auch nicht bieten können. Wenigstens sauber scheint es zu sein. Ich reiße beide Flügel des winzigen Fensters weit auf und plumpse erstmal aufs Bett. Nun ja, es hat kein Vermögen gekostet, tagsüber bin ich unterwegs und für die zweimal schlafen brauche ich nicht mehr als dies hier. Aber ein Tisch, wo ich den Laptop drauf stellen kann, wäre schon nicht schlecht gewesen. Und wie war das nochmal mit dem Balkon und dem Bergblick? Aus dem Fenster heraus schaue ich auf den Parkplatz. Ist jetzt auch egal. Ich versuche, die Nummer anzurufen und bekomme nur eine Mailbox mit niederländischer Ansage. Gut, dann eben Whatsapp. Ich wünsche Frühstück um acht und frage, ob es wenigstens einen Internetzugang gibt. Kurz darauf bekomme ich Antwort. Kein Willkommensgruß, kein nettes Wort. Nur der Name des W-Lan und das Passwort. Was sich so alles Hotel nennen darf… Nach einem Essen traue ich mich nun gar nicht mehr zu fragen.



Nach einer kurzen Ruhepause ist es Zeit für einen kleinen Erkundungsgang. Die Bar, wo es Frühstück geben soll, nennt sich „The Curb“, benannt nach den rot-weiß lackierten Bordsteinen von Rennstrecken. Wie sonst… Sieht von außen nicht schlecht aus, hat aber geschlossen. Am frühen Abend, wenn die unzähligen Möchtegern-Laudas gerne mal ein kühles Blondes zischen und über ihre Heldentaten zwischen Haarnadelkurve und Boxengasse schwadronieren. Soll mich nicht kümmern. Über einen Parkplatz, auf dem ein paar sportlich hergerichtete Coupé’s in der Sonne brüten, komme ich zum Eingang eines Restaurants, das sich als das höchstgelegene in ganz Rheinland-Pfalz rühmt, zumindest was das Schild aussagt. Die weiteren Informationen weisen auf die Öffnungszeiten hin und darauf, dass ausgerechnet heute Ruhetag ist.

Gut, es ist kein Renn-Wochenende, aber irgendwie habe ich mir dieses Motorsport-Mekka lebhafter vorgestellt…


Auf der Suche nach etwas essbarem schlendere ich nun durch die Gassen des Örtchens. Allerorten werden Gästezimmer angeboten, es gibt mehr Autovermietungen als an manchem Flughafen – natürlich mit Offerten für speziell hergerichtete Boliden. Die Straßen aber sind wie leergefegt, abgesehen von ein paar übermütigen Jungs, die ihre hochgezüchteten Spoilerträger mühsam ins Tempolimit zwingen. Hier bekommt man alles zu sehen: Kia und Koenigsegg, Fiesta und Ferrari, Lotus und Lamborghini, in jeder möglichen und unmöglichen Lackierung, von Italien bis Norwegen und von Spanien bis Ukraine.



Außer mir sind keine Fußgänger unterwegs, nicht ein einziger. Natürlich, bin ich doch das Alien im Reich einer Spezies, die nur dann die Fahrertür lüftet, wenn sich die menschlichen Grundbedürfnisse nicht mehr anders befriedigen lassen.

In der Luft liegt der Geruch nach Gummi und den Absonderungen der Vier-, Sechs- und Achtzylinder, die wie Fliegen auf der Bahnhofstoilette kreisen, um einen Parkplatz zu ergattern. Als Hintergrundmusik habe ich das unablässige Vrroooooaammm im Ohr, das der Sommerwind vom Grand-Prix-Kurs herüber trägt. Und ständig knattern die Rettungshubschrauber…


Gastronomie: Fehlanzeige. Ein paar Lokale mit klangvollen Namen liegen an der Hauptstraße, doch alle haben geschlossen, als wenn sie sich abgesprochen hätten. Da endlich, der Hinweis auf die „Pistenklause“, dem Schild nach Restaurant und Pizzeria. Ein Platz ist schnell gefunden und die Bedienung ist auf Zack, obwohl hier wohl einiges los zu sein scheint. Schon nach wenigen Minuten blicke ich zufrieden auf eine Schaumkrone und die goldige Flüssigkeit darunter, deren wohlige Kühle die Luftfeuchtigkeit am Glas kondensieren lässt. Bei Bruschetta und einem Nudelgericht, das alles andere als die bestellten Spaghetti Alio e Olio ist, lasse ich den Tag ausklingen.


Dienstag


Überraschung! Als ich „The Curb“ betrete, lächelt mir ein hübsches Mädchen entgegen, wünscht mir auf Englisch einen guten Morgen und weist auf den Tresen, auf dem ein kleines aber feines Frühstücksbuffet hergerichtet ist.


„All for you!“, flötet sie und ich bin mir gerade nicht sicher, ob sie die Speisen meint oder gleich einen heißen Strip hinlegen will. Ein ganzes Frühstücksbuffet für mich alleine! Das entschädigt natürlich für vieles.


Gründlich gesättigt schnappe ich mir noch zwei Bananen für meinen Lauf heute und spaziere gut gelaunt zurück in die Unterkunft. Heute steht ein Trailrun an der Nordschleife an, auf den ich mich schon seit zwei Jahren freue. Erst hat mir Corona einen Strich durch die Rechnung gemacht, und im letzten Jahr hat die Ahrtal-Katastrophe die Reise hierhin unmöglich gemacht. Heute darf ich endlich die viel gepriesenen Waldwege der „grünen Hölle“ unter die Sohlen nehmen! Mich erwartet eine abwechslungsreiche, aber konditionell und technisch anspruchsvolle Strecke mit deutlich über 700 Höhenmetern, die jedoch nicht die größte Herausforderung darstellen. Die besteht nämlich in der Orientierung. Bei meinen Recherchen im Vorfeld habe ich keinen einzigen Hinweis auf einen beschilderten Wanderweg im Zusammenhang mit der Rennstrecke gesehen. Das ist schon erstaunlich, da diese Region ja quasi einzig von dieser Attraktion lebt. Anscheinend ist es wichtiger, dass die Zufahrtsstraßen zum Ring immer frisch asphaltiert sind, damit sich niemand die Frontschürze einreißt.


Schon nach wenigen Schritten sehe ich an einer Straßenlaterne ein kleines Schildchen, auf dem der Umriss der Nordschleife aufgemalt ist. Ein kleiner Pfeil weist nach links oben, in Richtung der mächtigen mittelalterlichen Burg auf dem Gipfel, der der Ort und die Rennstrecke ihren Namen verdanken. Na also, es scheint ja doch noch Leute zu geben, die mehr an die Naturliebhaber denken als an die Benzindampf-Junkies. Frohen Mutes wechsle ich in den Laufschritt und befinde mich unversehens auf einem Pfad zu Füßen der Burgmauern. Diesen Komplex werde ich nun umrunden müssen, um mich weiter zu orientieren und es stört mich nicht, dass ich aktuell noch gut einen Kilometer vom Ring entfernt bin. Irgendwie werden mir die Schilder den Weg schon weisen und selbst wenn ich sie mal verlieren sollte, kann ich mich immer noch danach richten, dass die Strecke in Sicht- oder Hörweite ist.


Habe ich mir gedacht.



Schon nach einer Viertelstunde stehe ich ratlos an einer Weggabelung weitab meiner vorgesehenen Runde. Keines der bekannten Schilder ist zu sehen. Es kann doch nicht so schwer sein, zur Nordschleife zu gelangen! Etwas unschlüssig und schon leicht angenervt setze ich mich in Bewegung und schlage die Richtung ein, in der sich meiner Erinnerung nach die Strecke befinden soll. Der Pfad führt auf und ab durch den Wald und anhand der immer lauteren Motorengeräusche wächst die Gewissheit, dieses Mal richtig zu sein. Tatsächlich erreiche ich bald einen nahezu leeren Behelfsparkplatz, in dessen Nähe die inzwischen vertrauten Fangzäune zu sehen sind. Nur zu erahnen sind die Autos, die in irrwitzigem Tempo über den Kurs jagen. Zum nunmehr dritten Mal seit meinem Start vor einer knappen halben Stunde steigt der Rettungshubschrauber zwischen den Hügeln auf und nimmt Kurs auf die nächste Stadt, vermutlich Daun.


Meine Freude über den vermeintlich richtigen Riecher währt nur kurz. Entlang der Rennstrecke gibt es keinen Wanderweg, zumindest hier nicht. Laufe ich über den abgeernteten Acker, komme ich bald auf eine viel befahrene Bundesstraße ohne Fußweg. Hier kann ich unmöglich weiter laufen, also zurück über den Acker zum Parkplatz.



Nun halte ich mich in die andere Richtung, wo Besucherparkplätze ausgewiesen sind und erreiche nach einem weiteren Kilometer eine großzügig ausgebaute Zufahrtsstraße mit – siehe da! – einem nicht nur für hiesige Verhältnisse breitem asphaltierten Fuß- und Radweg. Zwischen zwei Kreisverkehren erheben sich die gigantischen Zuschauertribünen der Start- und Zielgeraden sowie Hotels zweier großer Ketten. Aus einem grauen Klotz, der als Kartbahn ausgewiesen ist, kommen die Schienen einer Achterbahn hervor. Die Tore dazu sind geschlossen, also wird die Bahn wohl nicht in Betrieb sein. Hinweisschilder weisen auf ein Infocenter, einen Boulevard, Gastronomie und das Fahrerlager hin. Bis auf ein paar ältere Herren, die am Kreisverkehr mit riesigen Kameraobjektiven auf spektakuläre Autos lauern, bin ich ganz allein auf dem breiten Weg, der bald in eine Unterführung mündet. Hier sind weitere Tribünen und Parkplätze ausgeschildert, dazu ein Fahrsicherheitszentrum, das die meisten Nutzer der Strecke wohl nur von außen gesehen haben. Inzwischen habe ich die Reihenfolge der Dauerschleife des Tagesbetriebes hier verinnerlicht: erst der Rettungsdienst, dann der Kran, zuletzt die Kehrmaschine.



Zwischen leer gefegten Park- und Campingplätzen auf der einen Seite und den unzähligen verwaisten Kassenhäuschen auf der anderen trabe ich entspannt auf einem gut ausgebauten Fußweg. Wieder einmal bekommt die Hoffnung, ich sei nun endlich richtig, neue Nahrung.


Bis ich den südlichsten Punkt des Kurses, die Müllenbach-Schleife umrundet habe. In einiger Entfernung kann ich die monströsen Bauten sehen, an denen ich schon vorbei gekommen bin. Der Weg scheint gerade darauf hin zu führen. Das ist ja nicht meine Absicht. Was ist denn jetzt wieder schief gelaufen? Einmal mehr bleibe ich stehen und werfe einen Blick auf Google Maps, gleiche die Linien auf dem Display ab mit dem, was ich um mich herum sehen kann. Wäre doch wenigstens der Verlauf des Rings eingezeichnet! Aber nein, er fehlt, als hätte es ihn nie gegeben. Dabei kann ich ihn sehen und hören. Vrrrroooooaaaammm!



Endgültig verabschiede ich mich von dem Vorhaben, der Originalstrecke treu zu folgen. Mir geht es nicht darum, dass meine Lauftrecke später in der Fitness-App genauso aussieht wie der Ring. Mir geht es um eine schöne, abwechslungsreiche und möglichst störungsfreie Trailrunning-Erfahrung. Aufs Geratewohl wähle ich bei Maps einen nicht weit entfernten Aussichtspunkt, die Quiddelbacher Höhe aus und folge den Ansagen, die die Software mir ausgibt. So gelange ich über serpentinenartige Wald- und Feldwege, die teils als solche gar nicht zu erkennen sind und eine gelblich braune Wiese mit einem Hochsitz auf einen Hügel, der mir alsbald als Zwischenziel genannt wird. Angeblich soll man hier einen guten Blick auf die Rennstrecke haben. Hübsch hier. Aussicht gleich null, weil das Plateau von Bäumen gesäumt wird. Gut, ich kann nicht alles haben, bin halt mal hier gewesen. Als nächstes Zwischenziel wähle ich das Örtchen Wimbach, das von hier gut erreichbar sein soll und grob auf dem weiteren Weg nach Adenau liegt. Gute Idee und tatsächlich vernehme ich einige Biegungen weiter die wohlbekannten Geräusche von hunderten Pferdestärken, die zwischen den Curbs gebändigt werden wollen. Noch immer ist der Heli ein nicht gern aber oft gesehener Begleiter meines heutigen Weges.




Ich erreiche eine Kreuzung. Rechts überquert eine Brücke mit geschlossenem Schlagbaum den Ring, links schwingt sich der Weg in weiten Schleifen hinunter nach Wimbach. Inzwischen ist die Mittagsstunde überschritten und die Sonne brennt unbarmherzig auf mich herab. Laut Anzeige der Uhr habe ich nun etwa 18 km zurück gelegt. Zeit für eine kurze Pause. Ich erinnere mich an die beiden Bananen und genehmige mir eine davon. Eine Bank an einem schattigen Plätzchen macht es etwas angenehmer. Der kurze Stopp gibt mir Gelegenheit, einen Blick auf die digitale Landkarte zu werfen und mir den weiteren Weg vor Augen zu führen. Von Wimbach aus sind es nur gut zwei Kilometer bis zum Adenauer Forst, einem beliebten Wandergebiet, das auch Blicke auf den Nürburgring gewährt. Das hört sich vielversprechend an und erfüllt mich mit neuem Vorwärtsdrang.


An einem Sportplatz, einem Kindergarten und einem Schulzentrum vorbei lenke ich meine Schritte zum Wanderparkplatz und studiere die große Karte. Am geeignetsten erscheint mir der mit der Kombination „A3“ ausgewiesene Weg, weil er mich über kurz oder lang wieder an die Rennstrecke heran führt, in deren weiteren Verlauf ich mich dann zurück nach Nürburg orientieren kann. Immerhin geht mein Pensum nun schon auf die 25-km-Marke zu und es wird allmählich Zeit, die Richtung einzuschlagen, in der das Hotel liegt.


Nach einem steilen Anstieg, einigen Kehrungen und Schleifen erreiche ich dann tatsächlich den Abschnitt des Rings, der nach dem Adenauer Forst benannt ist. Hier müssen die Rennfahrer eine ziemlich waghalsige Schikane meistern. Mancher wird wohl hier schon über die Curbs abgehoben und seines Lebens froh gewesen sein, wenn er nach dem Grasstück auf den Rädern gelandet ist. Immerhin erreicht man hier sehr hohe Geschwindigkeiten, deren kinetische Energie von der langen abschüssigen Gerade zuvor, der Fuchsröhre, her rührt. Das ist ein fantastisches Plätzchen, sich mit der Kamera auf die Lauer zu legen und der röhrenden Dinge zu harren, die hier angeschossen kommen. Hier kann ich meinen auto- und motorsportbegeisterten Sohn mit einem Video glücklich machen.


Ein schmales Wegstück führt mich dann zwischen eng stehenden Nadelbäumen unmittelbar an der Strecke entlang. Nur eine dreifach bewehrte Schutzplanke, der Zaun und zwei Baumreihen trennen mich von dem Geschehen auf dem Asphalt. In schöner Regelmäßigkeit röhren die Triebwerke auf, knattern Auspuffanlagen und quietschen Reifen. Wen mag es als nächsten erwischen?


Ein deja vu der inzwischen vertrauten Art ereilt mich unversehens, als ich den Wald hinter mir lasse. Da ist wieder die Wegekreuzung von vorhin, als ich kurz vor Wimbach gestanden habe, nur dass ich dieses Mal aus der anderen Richtung gekommen bin. Links von mir ist die Brücke mit dem Schlagbaum. Nicht schon wieder…


Ein weiterer Blick auf die Karte verrät mir, dass es nur noch gute vier Kilometer nach Nürburg sind. Dann hätte ich dreißig, was bei dem Höhenprofil auch mehr als genug ist.


Ein Waldstück, eine vertrocknete Wiese, ein Acker mit Rundballen und einem Hochsitz, dann entdecke ich eine von gestern bekannte Sitzecke aus Bänken und einem Hinweisschild, das den neugierigen Touristen über die „grüne Hölle“ aufklärt.


Danke, das kann ich nun vorwärts und rückwärts buchstabieren.


Mittwoch


… ist der Tag, an dem ich meine Weiterreise ins Saarland antreten will. Am Vorabend habe ich mir noch einmal die geplante Verbindung angeschaut und festgestellt, dass der einzige (!) Bus erst am frühen Nachmittag von hier abfahren soll. Im weiteren Verlauf hätte ich an einem Umstiegsplatz gute zweieinhalb Stunden Aufenthalt. Eine solche Spanne auf irgendeinem verdreckten Busbahnhof zu verbringen, würde ich mir gern ersparen. Warum habe ich nicht schon früher darauf geachtet? Jetzt stehe ich mal wieder vor der Wahl einer teuren Taxifahrt oder einem fast neun Kilometer messenden Fußmarsch.


Nach dem Frühstück raffe ich flugs meine Sachen zusammen und schlage den Weg nach Kelberg ein, einem geringfügig größeren Ort, der aber immerhin über einen Busbahnhof verfügt.


In der Hoffnung, dass Tante Google heute mal die richtigen Ansagen für meinen Weg parat hat, lasse ich die Mischung aus Tuningtreffen und inoffizieller Tourenwagen-Meisterschaft hinter mir und gelange bald über Nebenstraßen in einen Wald. Die Wegführung wird zunehmend abenteuerlicher und der Untergrund eher für Stollenschuhe geeignet als für Rollkoffer. Vielleicht hätte ich die Option „Fußweg mit Gepäck“ wählen sollen. Nach schier endlosem Gestolper und Gezerre sehe ich erleichtert die Häuser von Kelberg vor mir und erreiche schweißgebadet den Busbahnhof. Es gibt einen Imbiss, wo mir die freundliche Dame eine Frikadelle mit Jägersoße und Pommes zubereitet, während ich in der Tasche nach einem sauberen Shirt zum wechseln krame. Gesättigt und in dem Gefühl, wieder halbwegs Mensch zu sein, besteige ich den Bus nach Daun.





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