Das gallische Dorf


Es existiert wirklich!
Ich war dort.
Nun ja, es ist nicht wirklich nur ein Dorf, mehr eine Region. Der französische Staat hat ihr ein paar Nummern und Namen verpasst, aber eigentlich kennt man sie als die Normandie. Nun, Du wirst hier nicht Asterix, Obelix und Miraculix treffen. Zumindest nicht leibhaftig. Und nicht so rasch. Du musst schon etwas tiefer eintauchen in das Dickicht aus Mischwäldern, die an den Hängen des Hügellandes himmelwärts streben. Den Zauber der Normandie findest Du in den Ortschaften mit ihren steilen schmalen Straßen, wo die Autofahrer stehen bleiben und Dich lächelnd vorbei winken. Du findest ihn in den Häuserzeilen, die wechselweise mit farbenprächtigem Fachwerk oder grobem Gestein daherkommen, wo die Bündel von Leitungen, auf Putz verlegt, sich unter den Dachfirsten verzweigen, in luftiger Höhe die Straßen überqueren und sich mit Masten und den Nachbarfassaden treffen. Du findest ihn in den offenen Fenstern, aus denen dich ein Lächeln anschaut und die dazu gehörige Stimme Bonjour ruft. Zuweilen folgt auch ein Ca va, wenn man sich besser kennt. Du findest ihn sogar in den Ateliers der Touristenviertel, wo Dich nur eine kleine Pforte von einem verwunschen schimmernden und efeubewachsenen Refugium aus Bildern und dem goldenen Licht der Spätsommersonne trennt. Du steckst den Kopf hinein in diese märchenhafte Welt und möchtest auf der kleinen schmiedeeisernen Bank inmitten klassischer verträumter oder avantgardistischer Gemälde verweilen, bis Dir der Hintern weh tut oder Du weiteres entdecken möchtest.

Zu entdecken gibt es sehr viel. Nimm nur die aus wuchtigen Holzbalken erbaute Kirche aus dem 12. Jahrhundert, von der die Straßen und Gassen des mittelalterlichen Ortskerns in alle Richtungen entfliehen. Zwischen ihrem ausladenden Schiff und dem gedrungenen Glockenturm, den Du zunächst ob seiner eher geringen Größe kaum als solchen wahrnimmst, passen zwei Marktstände samt ein Dutzend Menschen zu beiden Seiten. Freilich mit Gedränge, denn so breit ist die Straße hier nicht. Aber allein die Trennung ist schon bemerkenswert genug. Ich habe mir erzählen lassen, dass sie von den Bauherren beabsichtigt wurde, damit bei einem Feuer das Ungemach des einen Gebäudes nicht automatisch das Verderben des anderen bedeutet. Und Feuer, Kriege und sonstige Ereignisse hatte der Ort in seiner Geschichte schon zuhauf erleben müssen. Nicht nur der hundertjährige Krieg hatte ihm übel zugesetzt, auch die Nähe des Meeres macht sich immer wieder mit rauem Klima bemerkbar. Kein Wunder, dass der Innenraum der Kirche jede Menge Platz für hilfesuchende Seelen bietet. Heute sind es nur wenige, die sich in diese andächtige Stille verirrt haben. Suchst Du nach prachtvollen Mosaikfenstern, wuchtigen Altären oder kunstvoll geschnitztem Chorgestühl? Vergeblich! Dafür verströmen die gewaltigen Säulen

aus uraltem Holz, das grobe Steingut unter meinen Füßen und die leicht muffige Luft eine unvergleichliche Atmosphäre, wie Du sie nur in Gebäuden findest, die aus dem Material des Waldes erbaut sind. Dies hier erinnert tatsächlich an Gottes grüne Naturkathedrale, nur dass mein Blick eben kein Blätterdach einfängt, wenn ich den Kopf in den Nacken lege. Hier entzünden die Seeleute ihr Licht, bevor sie für Fischerei und Handelsrouten hinaus fahren auf die rauen Gewässer jenseits der mächtigen Fluttore. Hier hocken Mütter und Väter, um für Leben und Gesundheit ihrer Liebsten zu beten und zuweilen entlockt ein Windstoß der Orgel ein flüchtiges Seufzen. Ein Rückzugsort für alle, die dem lärmenden Treiben außerhalb der Wände für ein paar Momente entfliehen möchten. Andächtig streichen meine Finger über das rissige, vielfach geölte Holz, das hier und da auf steinernen Sockeln ruht, die die vormaligen nach und nach ersetzt haben. In einer Ecke ist ein kleiner Nebenaltar mit dem Bildnis der Heiligen Theresa von Lisieux errichtet. Ihr ist diese Kirche gewidmet.

Lisieux liegt nicht weit von hier, vielleicht eine halbe Autostunde landeinwärts. Doch dorthin möchte ich heute nicht. Lieber verweile ich hier an diesem Ort, wo der auflandige Wind, der Geruch nach Tang, das Geschrei der Möwen und das unaufgeregte Markttreiben unzähliger Zweibeiner sich zu einer Sinfonie des einfachen Glücks vereinen. Hier schlägt das Herz der französischen Lebensart, wie man sie von den kitschigen Klischeebildern her kennt. Ein Mann auf der Vortreppe seines Hauses, mit Leinenhose, Fischerhemd, Barett, unter dem eine kaum zu bändigende Lockenpracht hervor quillt und Drei- oder Fünftagebart – egal! -, in der einen den dampfenden Kaffee, in der anderen eine Gauloises oder ein Croissant. Die hellblauen, von unzähligen Fältchen umgebenen Augen mit dem unverwechselbaren Schalk lachen Dich aus dem wettergegerbten Gesicht heraus an und Du möchtest Dich dazu setzen, um ein paar unverfängliche Worte zu wechseln oder schlicht miteinander zu schweigen. Die Zeit geht einfach mit den vorüber eilenden Menschen weiter, für Dich bleibt sie stehen, bis Du Dich dem Strom wieder anschließt, der Dich weitertreibt. Vorbei an Marktständen mit regionalen Produkten, bekannten und fremdartig anmutenden Köstlichkeiten, die Dich, neugierig geworden, einladen, näher hinzuschauen und vielleicht das eine oder andere zu probieren.

Wie es im Leben so ist: die Zeit bleibt nicht stehen, sondern fliegt dahin. Ein Handzeichen meiner Begleiter sagt mir, dass wir aufbrechen müssen. Miraculix bittet zum Zaubertrank, und den werde ich für die späteren Stunden des Tages noch brauchen.

Der Kessel mit dem Trank steht in der Ortschaft Bolbec, und zwar in Gestalt der urigen Küche von Annique. Hier entsteht heute das gleichermaßen opulente wie delikate Menü, das sie und meine Gastgeberin Aurelie gleich auf den Tisch bringen möchten. Aber gemach! In Frankreich sind die Mahlzeiten eine Religion. Sie folgen einem Brauch, der von Generation zu Generation weitergetragen wird. Wichtigste Regel: keine Eile! Einer nach dem anderen lässt sich am Tisch nieder, gießt sich ein Gläschen Wein und wahlweise etwas Wasser ein. Im Gegensatz zu den typischen Weinregionen, die weiter südlich angesiedelt sind, ist hier auch Bier als Tischgetränk salonfähig. In der französischen Sprache ist es sogar weiblich – La Biere -, wodurch die sprachliche Ebene endgültig ihren Frieden mit der köstlichen blonden Kühle in unserer Kehle schließt. Nach ein paar Gläsern sagt sich das dann auch viel flüssiger daher. Tabletts mit herzhaftem kleinen Backwerk werden herum gereicht, Törtchen, gefüllt mit einer Tomatencreme oder geschmolzenem Käse. Dazu gibt es etwas, das der Gourmet als Shotglass-Appetizer bezeichnet. Eine Kreation aus Couscous und sehr fein geschnittenem Gemüse, serviert in Schnapsgläschen, wie der Name schon sagt. Die Häppchen sind handlich und leicht verdaulich. Parkt man sie in einer Backe, kann man sogar verhältnismäßig deutlich sprechen. Aber sie sind auch schnell gekaut und verschluckt, so dass sich unter den Gästen ein reger Austausch entwickelt.

Obwohl ich dank meiner täglichen Lektionen schon ein wenig mit der Sprache vertraut bin, verstehe ich allenfalls die Hälfte. Aber das ist überhaupt nicht schlimm. Einem Franzosen zu lauschen ist wie Musik zu hören. Man muss nicht alle Einzelheiten des Textes kennen und versteht doch. Dies fasziniert mich schon seit Kindesbeinen. Französisch hat etwas so Elegantes, fast Aristokratisches an sich, dass ich verstehe, warum es seit jeher als „Sprache der feinen Leute“ gilt. Neben der akustischen Ebene darfst Du nicht versäumen, einem Franzosen beim Sprechen zuzusehen. Es ist ein wenig, wie wenn Du Udo Lindenberg beim Singen zusiehst. Der Mund ist leicht gekräuselt und aus ihm heraus kommen bedeutungsschwere Worte mit solch spielerischer Leichtigkeit, dass sie wie Rauchkringel über unseren Köpfen schweben, bevor sie Deine Ohren erreichen. Wie es wohl ist, wenn ein Franzose flucht? Vergleichen wir mal. Der Pole sagt Kurwa, der Engländer Holy Shit und bei uns Deutschen hört es sich nicht viel appetitlicher an. Ein auf französisch hervorgebrachter Fluch scheint Dir je nach Temperament wie eine leidenschaftliche Sportreportage, ein Vortrag über Quantenverschränkung in unterschiedlichen Galaxien oder eine Abhandlung über die Bildhauerei des 17. Jahrhunderts vorzukommen. Es hat so viel mehr Stil als viele andere Sprachen der Welt.
Während ich meiner schwärmerischen Tagträumerei nachhänge, kommt der Hauptgang auf den Tisch. Aurelie hat, wie auch immer neben ihrer Rolle als charmante Rund-um-die-Uhr-Gastgeberin, eine verführerisch duftende Kreation aus Seelachs in einem Bett aus allerlei Pfannengemüse zubereitet. Urtümliche normannische Küche auf die feinste Art. Dazu wird Reis serviert. Die Gespräche verstummen, wie wir mit großem Appetit zulangen. Und es schmeckt vorzüglich, sättigt genau in einer Weise, die neue Energie verspricht, ohne Völlegefühl zu wecken.
Kaum dass der Tisch abgeräumt ist, wird der Käse gebracht. Eine französische Mahlzeit ohne Käse ist wie Bayern ohne Weißwurst. Verschiedene Sorten, von Hartkäse über Camembert bis hin zu dem üblichen Blauschimmelkäse, präsentiert nach volkstümlicher Art auf einem Holzbrett. Jeder schneidet sich ein Stückchen von den Sorten, die er mag, ab und reicht weiter. So wie die Sprache ist dies auch eine Weise, miteinander zu kommunizieren. Du wendest sich dem nächsten zu, die Blicke begegnen sich, Du kannst nicht anders als zu lächeln. Französische Mahlzeiten sind ein Fest der Liebe und Fröhlichkeit. Auch die Gespräche kommen wieder in Gang, ebenso lebhaft wie bei der Vorspeise. In begrenztem Maße kann ich mich sogar beteiligen, was mich ein wenig stolz macht. Siehst Du, was Lernen bewirkt?
Und so setzt sich das ausgelassene Treiben bis zum Nachtisch aus süßem Gebäck fort, bis mir mein Nebenmann in die Rippen knufft. Zeit zum Umziehen. Ach ja, das Rennen beginnt in etwas mehr als einer Stunde. Der Zaubertrank schreit danach, seine Kraft auf die Straße zu bringen.
Bis zum Treffpunkt ist es ein viertelstündiger Fußweg, den wir zum ersten Warmlaufen nutzen, obwohl es gar nicht nötig wäre. Jetzt am frühen Nachmittag erreichen die Temperaturen ihren Höhepunkt und schnell bilden sich die ersten Schweißtropfen auf der Stirn, die auch dann noch von der Nasenspitze ihren Weg zum Boden finden, als wir mit der Gruppe zusammentreffen. Das Areal ist schon gut gefüllt mit allerlei Volk, sowohl in Zivil als auch in Läuferkluft. In Grüppchen stehen sie zusammen, fachsimpeln, scherzen und lachen. Die übliche ausgelassene Atmosphäre, die Du bei großen Laufveranstaltungen antriffst. Beliebter Hintergrund für Fotos ist ein riesiger orangefarbener, aus Pappmaché gefertigter Schriftzug, der in einzelnen aufstellbaren Lettern den Namen der Veranstaltung trägt:
Semi de Bolbec
Auch wir nehmen Aufstellung, bevor die ersten von uns sich zum Start begeben, der ein paar Schritte die Straße runter ist. Schon von weitem ist der Sprecher zu hören, der unablässig nützliche Informationen und motivierende Sprüche zum besten gibt, und das mit einer Leidenschaft, als würde er ein hochdramatisches Fußballspiel kommentieren. Auch hier verstehe ich nur Bruchstücke, aber die Energie, die er damit rüber bringt, überträgt sich auf mich und viele andere, die zwischen Lockerheit und ernstem Fokus pendeln.
Es dauert nicht lange, bis das Feld sich zu einer homogenen Masse hinter der Startlinie formiert. Die Spannung steigt, die Erregung in der Stimme des Sprechers wird zum Stakkato, rockige Beats erklingen, die zum mitklatschen anregen. Auf ein Kommando hin gehen alle in die Hocke und zählen von fünf runter, um dann eine machtvolle La Ola von ganz hinten bis nach ganz vorne aufzuführen. Stelle Dich einmal mitten in diese Masse, nimm die Energie in dich auf und transportiere sie weiter! Dann weißt Du, was Laufen bedeutet! Ein weiterer Countdown, ein Knall ganz vorn, Konfettiregen und dann stürmt die bunte fröhliche Meute hinunter in den Ortskern, gesäumt von hunderten, vielleicht tausenden begeisterten Zuschauern am Rand. In Deckung, ihr Römer, die Gallier sind los!
Die ersten beiden Kilometer mit einer Schleife durch die Innenstadt fühlen sich an wie die Tour de France. Du läufst durch ein dichtes Spalier frenetischer Menschen, die Dir Hände und Schilder entgegen strecken, so viele, dass Du gar nicht alle abklatschen kannst. Sie rufen Bravooo und Bonne Courage und tragen die Energie mitten in Dein Herz. Dies ist die zweite Komponente des Zaubertranks, der Dich bewegt, für die nächsten 21 Kilometer unablässig einen Fuß vor den anderen zu setzen und Dir dabei vom Dauergrinsen eine Gesichtslähmung zu holen.
Lässt Du den Ort hinter Dir, wird es merklich ruhiger. Weniger Menschen säumen den Weg, der bald spürbar ansteigt. Nicht sehr steil; geübte Läufer schaffen den Anstieg in leichtem Trab, mit kurzen kraftsparenden Schritten. Ich erblicke aber auch nicht Wenige, die hier einen weiteren Gang herunterschalten, um ihre Kräfte für die noch vor uns liegende Strecke zu schonen. Die Steigung ist zermürbend lang, mehr als anderthalb Kilometer windet sich die Straße hinauf zu einem sonnenbeschienenen Plateau, auf dem sich Höfe, Felder und kleine Waldstücke abwechseln. Sie spenden etwas Schatten an diesem warmen Tag, wo die Spätsommersonne noch einmal alle Register zieht und Dir ordentlich einheizt. Die erste von drei oder vier Verpflegungsstationen liegt schon eine Weile hinter mir und der Mund ist so trocken, als hätte ich sie ausgelassen. Aber ich weiß um die Energie, die in mir steckt; ich weiß, dass es mir an nichts fehlt und ich weiß, dass ich auch dies hier schaffen kann, so wie ich alles Vorherige geschafft habe. Die Strecke ist mir aus dem Vorjahr bekannt und doch hat sie mich in gewisser Weise überrascht. Hier merkst Du, dass kein Lauf wie der andere ist, auch auf der gleichen Strecke.
Kilometer reiht sich an Kilometer, die Landschaft ist vielfältig, hügelig und abwechslungsreich. Der Blick schweift über die golden wogende Brandung der Getreidefelder. Die Menschen zu beiden Seiten, so wenige es auch sind, versprühen Fröhlichkeit und schenken Dir ihre Energie, die Du mit erhobenem Daumen oder einem Lächeln an sie zurückgibst. Wo sich die Häuser zu Siedlungen gruppieren, bilden sich die Hotspots, die Dich lautstark weiter treiben, bis wieder etwas Ruhe einkehrt. In der Nähe der zweiten Verpflegungsstation, etwa bei der Hälfte, kommt ein imposanter Viadukt in Sicht. Den habe ich schon voriges Jahr fotografiert, das kann ich mir heute sparen. Lieber die halbe Minute in ein paar tiefe Atemzüge, einen Extra-Becher mit Wasser und ein Stück Obst investieren. Der Zaubertrank wirkt noch, aber es ist gut, rechtzeitig nachzufüllen.

In weiten Schwüngen strebt die Straße wieder auf Bolbec zu. Das letzte Drittel des Rennens verläuft direkt durch städtisches Gebiet, wo die Menschenmassen am Rand neue Energien freisetzen, die Dich dann zu einem triumphalen Zieleinlauf tragen sollen. Doch ich sehe auch Läuferinnen und Läufer, die schwer gezeichnet sind von dem zurückgelegten Weg und die Verzweiflung über die Kilometer, die noch zu bewältigen sind, ist in ihren Gesichtern zu sehen. Hier kämpft jeder seinen eigenen Kampf: gegen die Hügel, gegen die Sonne, gegen den Durst, gegen die Schmerzen, gegen die Erschöpfung. Es ist ein Kampf um jeden Schritt, der Dich dem Ziel näher bringt, dem Sehnsuchtsort, wo Du Deine Arme ausbreiten und Dich dann fallen lassen kannst.
Irgendwann fängst Du an, rückwärts zu zählen. Noch vier Kilometer, noch drei, noch zwei. Deine Beine schreien nach einer Pause, Dein Kopf sagt unerbittlich weiter und Dein Herz trägt Dich voran. Mitten in diesen Gedanken erblicke ich einen Läufer unweit vor mir, der sich sichtlich erschöpft im Gehschritt voran quält. Es scheint auch, als hinke er ein wenig. Er ist recht klein und schmal gebaut. Ich schließe zu ihm auf und erkundige mich, ob es ihm gut geht. Er zeigt auf sein Knie und verzieht das Gesicht. Ach ja, der Fluch des Bergablaufens. Um ihn aufzumuntern, biete ich ihm an, ein wenig mit ihm zu laufen, auch wenn es langsamer als mein übliches Tempo ist. Ein Weltrekord wird dies hier sowieso nicht mehr, also kommt es auf die eine oder zwei Minuten nicht an. Man kann das Ziel schon riechen und ich glaube, es wird ihm guttun, wenn er ihm mit etwas moralischer Unterstützung näherkommt. Schweigend laufen wir ein ganzes Stück nebeneinanderher und ich bewundere seine Zähigkeit, mit der er gegen die Schmerzen ankämpft. Auf einem großen, über die Straße gespannten Transparent wird der letzte Kilometer angekündigt. Ich rufe ihm zu: Regarde, le dernier kilometre! Er drückt meine Hand und lächelt schwach. Dann bricht er zusammen. Ich renne die drei Schritte, die ich in der Zeit gemacht habe, zurück, ein Zuschauer eilt herbei und gemeinsam schaffen wir es, ihn wieder auf die Beine zu bringen. Diesen Kampf musst Du nicht alleine kämpfen, mein unbekannter Freund! Diesen Kampf kämpfe ich mit Dir! Weil er etwas schmächtig und zwei Köpfe kleiner ist als ich ist, fällt es mir nicht schwer, ihn zu stützen, indem ich mit einem Arm um seine Schultern und unter die Achsel greife und meine andere Hand die seine fest nimmt. Wenn Asterix seinen Zaubertrank nicht verträgt, muss Obelix, der als Kind schon in den Kessel… nein die Geschichte nimmt mir keiner ab. Auf die klatschenden und tobenden Zuschauer müssen wir wie ein schwules Liebespaar wirken, aber das ist mir egal. Asterix muss das Ziel erreichen, koste es, was es wolle! Immer wieder rufe ich ihm zu, Du schaffst es, Du schaffst es! Halb laufend, halb schleifend erreichen wir die kleine Promenade am Val aux Gres, wo der große Zielbogen in mein Blickfeld kommt. Die Leute am Rand schreien und klatschen wie verrückt, aber ich bin im Tunnel. Ich muss Asterix ins Ziel bringen. Die Arme kann ich nicht ausbreiten, denn sie müssen ihn halten, als wir die Ziellinie überqueren. Sanitäter eilen herbei und auch von mir fällt nun die Anspannung ab. Mit dankbar gefalteten Händen lasse ich mir die Medaille umhängen und beobachte aus den Augenwinkeln, wie sich zwei Menschen um den Läufer kümmern. Dann kommen die anderen Läufer meiner Gruppe auf mich zu und beglückwünschen mich. Ich weiß nicht, ob sie mitbekommen haben, wie ich hier reingekommen bin.
Einige Zeit später kommt mein Gefährte der letzten Schritte lächelnd auf mich zu, umarmt mich und bedankt sich tausendfach. In so einem Moment weißt Du, wie unwichtig Zeiten und Platzierungen sind und was soziale Kontakte unter Läufern bedeuten. Ich frage ihn abermals, ob es ihm gut geht und er bejaht lächelnd. Dass er einen Eisbeutel an sein Knie drückt, ist mir nicht entgangen. Er stellt sich mir als Christophe vor. Mein tapferer Asterix hat einen Namen, sein Gesicht ist mir ohnehin schon vertraut.
Als ich spät abends, lange nach unserer Rückkehr von der Feier nach dem Lauf, mit unseren Gastgebern mit einem Obstbrand auf dieses großartige Wochenende anstoße, wird mir einmal mehr klar, welch Glück es bedeutet, dieses gallische Dorf, das auf seine lässig-sympathische Art dem rauen Klima, den Stürmen der Weltgeschichte sowie den großen und kleinen menschlichen Katastrophen trotzt, kennen und lieben gelernt zu haben.
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P.s. An die Befreiung Bolbecs von Nazi-Deutschland durch englische, kanadische und belgische Soldaten wird alljährlich am ersten Sonntag im September gedacht. Es findet ein Gedenkmarsch mit bewegenden Zeremonien auf dem Friedhof, am Rathaus, an einem zentralen Platz und schließlich am Val aux Gres statt. Neben hohen Persönlichkeiten der Gemeinde und der Region nehmen auch Abordnungen der Feuerwehr, des Roten Kreuzes sowie weiterer Organisationen teil. Sofern es gesundheitlich möglich ist, sind auch Veteranen der Befreiung vertreten. Viele Einwohner, Familien und auch Besucher aus nah und fern schließen sich diesem Gedenkmarsch an. Gemeinsam legen wir Blumen nieder, lauschen der Marseillaise und reichen uns die Hände. Ich konnte nicht anders, als in einem unbeobachteten Augenblick vor den Gräbern nieder zu knien. Die Soldaten, die hier gekämpft haben, haben als erste dafür gesorgt, dass wir uns heute als Freunde begegnen können. Auch dies gehört zur Geschichte des unbeugsamen gallischen Dorfes. Das dürfen wir niemals vergessen.



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