31
- Ted Mönnig
- 6. Sept. 2023
- 2 Min. Lesezeit

Dies ist das Erste, was mich beim Landeanflug auf das Ende der Welt empfängt. 31. Ich kann mich glücklich schätzen, gehöre ich doch zu der Hälfte der Weltbevölkerung, die aus östlicher Richtung einfliegt. Käme ich vom Westen her, wäre es die 13, was in unserem Kulturkreis schon mal für ungute Gefühle sorgen kann. Diese beiden Zahlen zieren nämlich die jeweiligen Enden der Landebahn am Flughafen der Färöer-Inseln. 31 im Osten, 13 im Westen.
Meine Nasenspitze klebt am dicken Glas des Bullauges, während Augen und die scheinbar intelligente Masse dahinter in gemeinsamer Anstrengung versuchen, den Ausblick zu erfassen, der sich mir bietet. Ich ahne, dass mir dieses Gefühl in den kommenden Tagen das eine oder andere Deja-vú bescheren wird.
Den Fensterplatz habe ich der Gunst der Flugbegleiterinnen und vielleicht auch ein wenig meinem Charme zu verdanken. Ihr hättet mal die Gesichter der Mädels sehen sollen, als ich mit einem fröhlichen „Moin!“ die oberste Stufe der Gangway genommen habe. Die Fragezeichen sind fast schon greifbar gewesen.
„Moin?“ schallt es mir in erstauntem Chor entgegen.
„Yes, so we say it in northwestern Germany.“ Mein Grinsen hätte kaum breiter und meine Stimmung kaum besser sein können!
Ich sitze endlich in der Maschine zu meinem Traumziel! Und auch wenn sich die Shetlands unter einer dichten und tief liegenden Wolkendecke verstecken und unter mir zwischen deren zerfaserten Rändern nichts als das abendliche Grau des endlosen Atlantiks zu sehen ist, spüre ich doch, wie ich den Inseln meiner monatelangen Sehnsucht immer näher komme. Auf Google Maps verfolge ich dank ungestörtem GPS die Flugroute und mit jedem Rucken des blauen Punktes nach Nordwesten wächst auch die Frequenz meiner Blicke aus dem Fenster. Wo sind sie, die Klippen, die die Trailrunner-Welt bedeuten?
Da sind sie! Sobald der Pilot sein Wolkenhopping beendet hat und ich, abgesehen von der schon arg fortgeschrittenen Dämmerung, wieder einigermaßen klare Sicht auf die Umgebung habe, sind sie auf einmal ganz nahe. So nahe, dass ich fürchte, die Spitze der Tragfläche könnte sie berühren. Und schon rumpelt das Fluggerät über die Landebahn.

Ein vorbestelltes Taxi bringt mich über kurvenreiche Straßen und durch lange Tunnel nach Torshavn. Während der Fahrt bekomme ich eine vage Ahnung davon, was sich landschaftlich um mich herum abspielt.
Wo um alles in der Welt bin ich nur gelandet?
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