Das Getöse der Acht
- Ted Mönnig
- 28. Apr. 2023
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 28. Apr. 2023

Die ersten knapp sieben Jahre meines Lebens verbrachte ich in einer Altbauwohnung in der Wilhelm-Pieck-Straße. Viele Jahre später wurde sie mit dem wendezeitlichen Umbenennungsschwung zur Theaterstraße, aber mir ist sie immer unter dem alten Namen in Erinnerung geblieben, auch wenn dieser mit dem ersten Präsidenten der DDR in Verbindung gebracht wurde. Der Mann hatte mir nichts getan, also durfte die Straße auch so heißen.
Unsere Wohnung war riesig, so riesig, dass man im Eingangsflur mit zehn Mann Fußball spielen konnte, wenn man es denn gedurft hätte. Das war eine andere Geschichte. So verlor sich in einer Ecke des monströsen Raumes nur ein oder zweimal die Autorennbahn, die ich zu meinem fünften Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Weil die Wohnung so groß war, passten locker zwei Familien unserer Größenordnung hinein. Das hatten wohl auch wichtige Leute so gesehen, die entschieden, wer eine Wohnung bekommen durfte und wer nicht. Also teilten wir uns die aus meiner kindlichen Perspektive unübersichtlich vielen Zimmer mit anderen Menschen. Ich weiß nur noch, dass Vater und Sohn dieser Familie die gleichen Vornamen hatten, nämlich Laszlo. Der Vater stammte aus Ungarn, von den Landsleuten gab es ja viele in unserer Stadt.
Ach ja, die Stadt. Sie hat auch ihre Umbenennungsgeschichte. Alle kennen sie als Chemnitz. Zu meiner Zeit trug sie den Namen von Karl Marx, obwohl der niemals dort gewesen war oder eine besondere Beziehung dazu gehabt hatte. Sie hieß eben so und die Leute, die dafür gesorgt hatten, wussten vielleicht besser, warum das so war. Eigentlich war es Chemnitz, oder wie die Alten sagten: Kam’z. Man sprach nämlich das „Ch“ am Anfang wie „K“ aus und nicht, wie ich es später im Westen von einem ganz Schlauen hörte, wie „Ch“. Der sagte ja auch „Kina“ zu „China“. Das nur am Rande.
Wir bewohnten zwei Zimmer und eine Küche. Das Bad teilten wir uns mit den Ungarn. Wenn die mal wieder die Türen knallten, gingen unsere automatisch auf. Blöd nur, wenn man gerade ausgezogen war oder noch im Bett lag. Dann war da natürlich die Stube, an die ich keine richtig lebendigen Erinnerungen mehr habe. Ganz im Gegensatz zu dem großzügig bemessenen Schlafzimmer, das nicht nur das Ehebett meiner Eltern, sondern auch eine abgetrennte Spielecke beherbergte, die mangels eigener Kinderzimmer für mich und später meinen kleinen Bruder eingerichtet worden war. Das Beeindruckendste an dem Zimmer war jedoch ein Erker mit einem übergroßen, mindestens dreiteiligen Fenster, von dem aus man einen fürstlichen Rundumblick auf eine Kreuzung mit immerhin vier Straßen hatte. Nicht so eine nullachtfuffzehn-Kreuzung, wie es sie an jeder Ecke gab. Nein, alle vier Straßen liefen einem großen, etwas verbogenen „K“ ähnlich aufeinander zu. K wie Chemnitz eben. Hier stießen die Markthallenstraße und der abschüssige Kassberg in fast gleichem spitzen Winkel auf die Wilhelm-Pieck-Straße und ihre etwas weggeknickte Verlängerung, die mit einem von mächtigen alten Bäumen gesäumten Parkstreifen am gegenüberliegenden Fahrbahnrand protzte. Weil es in der DDR der Mittsiebziger noch nicht so viele Autobesitzer gab, standen immer genug Parkplätze zur Verfügung.
Vom Kassberg aus führten die Straßenbahnschienen der Linie 8 in einem großen Linksbogen ins Stadtzentrum. Wenn wir meine Tante Rosi besuchen wollten, mussten wir die Achte in die Gegenrichtung nehmen und bis zur Endhaltestelle ganz oben hin juckeln.
In Sachsen regnete es nicht.
Es draschte.
An jenem Sonntagmorgen draschte es wie aus Eimern.
Wie das bei uns Kindern so war, kümmerte es uns nicht, welcher Wochentag gerade war. Mein Bruder, noch ein Hosenscheißer von etwas mehr als einem Jahr, und ich waren an dem Sonntag früh ausgeschlafen. Wir waren wach, sahen, dass es draschte, spielten und tobten und lachten und lärmten ohne Rücksicht auf unsere arme Mutti und den armen Vati, die die ganze Woche früh auf den Beinen waren und am Sonntag endlich mal ausschlafen wollten. Wir stellten die Spielecke auf den Kopf und als wir damit fertig waren, sprangen wir mit Anlauf ins Ehebett, mitten zwischen die arme Mutti und den armen Vati, nicht ohne den einen oder den anderen mit unseren Knien, Ellbogen oder sonstigen hervorstehenden Gelenken zu beglücken.
Während ich immer der Stillere von uns beiden war, hatte das Erbgut der Familie in meinem Brüderchen einen echten Wildfang auf die Welt losgelassen. Nicht zu bändigen, schon gar nicht, wenn es dem großen Bruder zu beweisen galt, was man mit den paar Monaten schon alles konnte.
Und mein Bruder konnte viel. Schon in frühen Jahren musste ich einsehen, dass jegliches Bestreben, mit ihm Schritt zu halten, zum Scheitern verurteilt war. Dafür war ich viel zu still, schüchtern, langsam und nicht schlagfertig genug. Den Rückstand habe ich später als Erwachsener einigermaßen aufholen können. Damals aber war Ulli mir die fünf Jahre, die er später geboren worden war, auch voraus. Er konnte als Dreijähriger schon mit Geld rechnen, aber nicht in Mark und Pfennig, sondern in der Einheit der legendär köstlichen Eiskugeln, die man in der gelblich weißen Bude am Fuße des Kassbergs bekam. Ein paar Jahre danach wurde das Sortiment dort auf das moderne Softeis umgestellt, wodurch die Bude ihre Anziehungskraft zumindest bei Ulli und mir einbüßte. Mit der komisch gedrehten Spitze konnte man ja auch nicht mehr so gut rechnen. Dafür musste man schon so groß sein wie der Knispel-Karl aus dem zweiten Stock.
An diesem Sonntag kam kein Eis in die Tüte. Es war ja Sonntag, noch ganz früh; die Eismenschen wollten auch ausschlafen wie Mutti und Vati. Außerdem draschte es und Eis machte nur bei Sonne was her. Wir hüpften und krabbelten auf dem Bett herum, was in immer kürzeren Abständen ein gequältes Aufstöhnen unserer Eltern hervorbrachte. Auch toben wurde irgendwann langweilig, wenn keiner so richtig mitmachen wollte. Und was machte man, wenn einem langweilig wurde? Man fing an zu quengeln und zu drängeln. Hunger, Pipi und alles, was dazugehörte.
Irgendwann reichte es meinem Vati. Er setzte sich auf, schnappte sich erst Ulli und dann mich… oder vielleicht auch erst mich, weil mein Bruder sich nicht so schnell schnappen ließ und sah uns mit ernster Miene an.
„Wenn ihr jetzt nicht augenblicklich ruhig seid, kippt unten gleich die Straßenbahn um.“
Quiiiiiiiiiietsch.
Bevor wir über den Satz lachen konnten – hehe, wieso soll ausgerechnet wegen zwei Bengels eine Straßenbahn umkippen? – drang ohrenbetäubender Krach zum Erkerfenster herein. Vier paar Füße, mittelgroß, klein und ganz klein, schwangen sich aus dem Bett und flitzten hin. Hier war ich im Vorteil gegenüber meinem Bruder, denn ich konnte schon über die Brüstung schauen und sah, was sich unten abgespielt hatte.
Da lag sie, die Linie 8, schön schräg auf der Seite. Der Stromabnehmerbügel hatte den Weg durch das Geäst zweier Bäume gefunden, das nun über den größtenteils verwaisten Parkstreifen verteilt war. Die Räder wiesen noch in Richtung der Schienen, so dass ein sehr starker Mann den Wagen nur anheben musste, damit die Bahn weiterfahren konnte. Äußerlich nahezu unversehrt. Der Fahrer war nicht zu sehen, steckte er noch in seinem Führerhaus? Wusste er überhaupt, dass seine Bahn umgekippt war?
Drunter hervor lugte die Motorhaube eines Autos. Das war unverkennbar der Saporoshez des Schauspielers aus der Wohnung unter dem Dach. Der war als hoffnungsvolles Talent am Städtischen Theater beschäftigt und noch nicht ganz so bekannt wie ein paar Jahre danach, als er regelmäßig als Sheriff im Polizeiruf zu sehen war. Sein Auto, das einzige, das an diesem verdraschten Sonntag auf dem Parkstreifen gestanden hatte, wurde von der Linie 8 begraben, weil die wohl zu schnell den Kassberg runter gerauscht war und sich sprichwörtlich in die Kurve gelegt hatte.
Im Nu waren Langeweile, Hunger, Pipi und alles andere vergessen. Mutti hatte Ulli auf dem Arm, damit der auch was sehen konnte. Mann war das spannend, als der schwere TATRA-Feuerwehrkran mit Lüla-Lüla angeprescht kam, viele Hände Seile zogen und an den Haken hängten. Polizisten liefen herum und schrieben eifrig auf ihre Notizblöcke, Sanitäter kümmerten sich um den Straßenbahnfahrer, der wohl nur ein paar Schrammen abbekommen hatte. Fahrgäste waren um diese frühe Stunde glücklicherweise noch nicht unterwegs.
Inzwischen hatte auch der angehende Fernsehstar von seinem zerquetschten Auto erfahren und stand am Rand der Szenerie und fuhr sich vor lauter Verzweiflung immer wieder mit der Hand durchs volle Haar.
Als ich ihn zuletzt in „SOKO Leipzig“ gesehen hatte, war das Haar schon wesentlich lichter, aber den leidenden Blick glaubte ich stets bei ihm wieder zu erkennen. Immer, wenn ich die Serie schaue – auch wenn der berühmte Herr mit dem ulkigen Doppelnamen sich mittlerweile in den Ruhestand verabschiedet hat, muss ich an den Sonntagmorgen, die Straßenbahn und das einzige dort geparkte Auto denken.
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