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Nur die Starken überleben

  • Autorenbild: Ted Mönnig
    Ted Mönnig
  • 7. Sept. 2023
  • 6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 11. Sept. 2023


Ich kann nicht glauben, dass ich schon wieder so früh wach bin. Nein, die Sonne scheint nicht, dafür regnet es. Natürlich. Als ob mich das von meinem heutigen Vorhaben abbringen lassen würde!


In den Wochen vor Reiseantritt habe ich mir schon ein paar Gedanken über mögliche Aktivitäten gemacht, Wandervorschläge angeschaut, Touren via App vermessen und Machbarkeitsstudien angestellt. Zwei Favoriten haben sich dabei heraus kristallisiert. Den etwas aufwändigeren beabsichtige ich heute durchzuziehen, wenn die Witterungsbedingungen es zulassen. Ein bisschen Regen ist normal und sollte es nicht zum Scheitern verurteilen. Soweit meine naiven Gedankengänge.


Am Fährhafen steige ich in den Bus nach Klaksvik, ohne jedoch die ganze Strecke mitzufahren. Nach dem Überqueren der Brücke zur Insel Eysturoy bei der Ortschaft Oyrarbakki wartet ein deutlich kleinerer Bus darauf, mich als einzigen Fahrgast zum Dorf Eiði zu bringen, wo meine Wanderung starten soll. Mich reizt es heute, den Gipfel des Slættaratindur, des höchsten Berges der ganzen Inselgruppe, zu erreichen.


Nach nicht einmal einer Stunde spuckt mich das blaue Gefährt auf einem kleinen Platz vor einer weiß getünchten Kirche aus. Von Süden her pfeift mir eine ordentliche Brise um die Nase. Richte ich den Blick nach Norden und Nordwesten, so fallen mir gleich senkrecht ins Meer abstürzende Klippen ins Auge. Dort scheint die Sonne, bei mir ist es so bewölkt, dass ich nur die untere Hälfte der monströsen Buckel drüben auf Streymoy sehen kann. Der Rest hüllt sich in graue Watte. Schade nur, dass die Wolkenfront von Süden heran zieht. Da kann ich mich auf einige Schauer gefasst machen. Ich habe es nicht anders gewollt; wenn du nach Färöer reist und nicht wanderst, ist es wie wenn du dir deine Lieblingspizza in XXL bestellst und sie dann nicht isst.


Mit diesen Gedanken verlasse ich das Dorf und finde mich alsbald auf einem schmalen Pfad wieder, der schnell an Höhe gewinnt. Der Boden ist weich, wellig und grasbewachsen, so dass der Wanderweg hin und wieder nur zu erahnen ist. Unzählige Senken und Wasserläufe kreuzen meinen Weg. Hier ist Wachsamkeit gefragt, damit der Fuß nicht mal unversehens in einem Schlammloch verschw…


Patsch.

Schon geschehen. Ein paar Schritte weiter kommt auch der andere Fuß in den Genuss eines Vollbades. So kann sich wenigstens keiner von beiden beschweren, dass er zu kurz kommt. Mit nassen Schuhen habe ich ja gerechnet, aber muss es denn jetzt schon sein? Nach meiner Schätzung habe ich noch fünf bis sieben Stunden vor mir.



Meine Gedanken werden in eine andere Richtung gelenkt, als der riesige Stausee Eiðisvatn in mein Blickfeld kommt. Die Hänge an seinen Ufern sind nicht besonders steil und bieten deshalb kein so großartiges Fotomotiv wie die anderen Ausblicke, die ich schon genießen konnte. Am östlichen Ufer wird er von einem recht auffälligen Wasserfall gespeist. Sehen wir später noch einmal, wie er von weiter oben wirkt.


Nach einiger Kraxelei erreiche ich eine Passstraße, die direkt auf den Aufstieg zum Berg führen soll. Bis dahin ist es aber noch ein gutes Stück Weg und weil das GPS der Uhr mich verwirrt, nehme ich eine Abzweigung zu früh und verliere den Weg aus den Augen. Zum Glück bringt mich eine Steinpyramide wieder in die richtige Spur. Diese Gebilde sind mir schon vorher aufgefallen und haben mir so manchen Irrweg erspart, wenn der Pfad auf einmal nicht mehr sichtbar gewesen ist.

Bis hierher fühlt sich alles noch nach einer normalen Wanderung mit tollen Ausblicken an. Jetzt aber steigt der Weg schnell und immer steiler an, windet sich zwischen Felsbrocken serpentinenartig den Hang hinauf, was mich hin und wieder aus der Puste zu bringen droht. Solche Steigungen sind auch mir als leidenschaftlichem Geländeläufer neu. Hinzu kommt, dass ich nur noch wenige Meter unterhalb der Wolkendecke bin, was sich in stärker werdendem Regen mit stetig wachsendem Graupelanteil bemerkbar macht. Der Wind gewinnt an Stärke und die Böen wachsen sich alsbald zu einem stattlichen Sturm aus. Die Sicht ist auf wenige Meter begrenzt, so dass ich nur noch die nächste Wegbiegung erkennen kann. Der Untergrund wird schlammiger und glitschiger und auch die Felsen sind so glatt, dass ich kaum darauf ausweichen kann. Zum ersten Mal erwäge ich, umzukehren. Da reißen die Wolken auf und erlauben mir einen atemberaubenden Blick zurück ins Tal. Nichts für schwache

Nerven und Leute mit Höhenangst, schon gar nicht bei diesen Bedingungen. Denn schon hat es sich es mit dem kurzen Moment der Entspannung. Die nächste Wolke rast mit dem Tempo eines Schnellzuges heran und hüllt mich in ein Chaos aus Wassertropfen und Eiskristallen. Ich kann förmlich sehen, wie der Wind die Luftmassen den Steilhang hinauf treibt, wie irre tanzende Geister schwirren die Schwaden gen Gipfel. Mit jedem Schritt fürchte ich, dass eine Böe mich von den Beinen holt und die Klippen hinunter stürzen lässt. Aber ich kämpfe mich verbissen voran. Schritt für Schritt, Höhenmeter für Höhenmeter. Bis sich eine gewaltige Felsformation aus dem Nebel schält und mich innehalten lässt. Ich finde eine etwas geschützte Nische und versuche mit den Augen, den weiteren Verlauf des Weges auszumachen. In irrwitziger Seitenneigung scheint er um die riesigen Brocken herum zu führen, nicht mehr als einen Fuß breit und von herab stürzenden Bächen zu einem unkalkulierbaren Risiko werdend. Hier ist Schluss für mich. Jeder Versuch, weiter nach oben zu gelangen, hat nichts mit Mut zu tun, sondern mit sträflicher Missachtung jeglicher realen Gefahr, an diesem Berg zu enden. Ich fühle, dass mir nur noch wenige Meter fehlen und mir graut vor dem Abstieg. Hier aber kann ich auch nicht bleiben. Also wende ich mich um und setze vorsichtig einen Fuß vor den anderen. In diesem Moment bin ich glücklich über den Instinkt, Uwe’s faltbare Stöcke in der Hand zu wissen. Sie bestehen zwar aus Karbon, aber das kann man in einer solchen Situation mit purem Gold aufwiegen. Sie stützen mich an schwierigen Stellen, geben zusätzlichen Halt und ich kann vor fast jedem neuen Schritt mit ihnen die Bodenbeschaffenheit testen. Trotzdem ist der Weg durch den Dauerregen der letzten zwei Stunden so glitschig, dass ich ein ums andere Mal ausrutsche und die folgenden Meter auf dem Hosenboden zurück lege. Alles an mir ist nass, das stört mich im Moment aber nicht weiter. Wichtiger ist, mit heiler Haut von diesem Berg herunter zu kommen. Nach einer unendlichen Stunde des Abstieges erreiche ich den Parkplatz und atme auf. Ab jetzt geht es nur noch die Straße entlang zur ungefähr sechs Kilometer entfernten Ortschaft Gjögv.


Bei meiner Umkehr oben am Berg habe ich mal einen verstohlenen Blick auf die Uhr werfen können. Es ist genau 12 Uhr mittags gewesen, also keine drei Stunden nach meinem Start in Eiði. Ich liege sehr gut in der Zeit, wenn man bedenkt, dass ich für diese Tour bis zu acht Stunden veranschlagt hatte. Obwohl mich stetiger Nieselregen begleitet, habe ich für den Rest des Weges gefühlt alle Zeit der Welt und die wohltuende Gewissheit, einen Bus früher zurück fahren zu können, wenn es mir nicht behagt, dort noch zu verweilen. Das mache ich jetzt mal vom weiteren Wettergeschehen und den zu erwartenden Panoramablicken abhängig.



Schon bald erreiche ich die Abzweigung nach Funningur, wo sich eine schmale Straße in weiten Kehren zum tief unter mir liegenden Dorf mit diesem Namen schlängelt. Die nun wieder bessere Sicht erlaubt mir einen leicht vernebelten aber nicht minder eindrucksvollen Blick hinunter, wo sich ein paar Häuschen am Ufer des Funningsfjordur verteilen. Ich wende mich aber weiter geradeaus, weil ich mir auf keinen Fall die malerische Bucht von Gjogv und die berühmte Felsspalte entgehen lassen möchte, die diesem Dorf seinen Namen gegeben hat. Eine Gunst der Natur hat durch Vulkanismus und der Jahrmillionen währenden Macht herab fließenden Wassers hier eine geschützte schmale Bucht entstehen lassen, die schon die Wikinger in den Anfängen der Besiedlung als Hafen zu nutzen wussten.



Heute ist dieser Ort ein wahrer Touristenmagnet und als Geheimtipp in jedem Reiseführer zu finden. Folgerichtig überholen mich in schöner Regelmäßigkeit PKW’s und Reisebusse und kommen mir nach gut einer halben Stunde wieder entgegen. Die schöne bequeme Welt des Reisens. Ziele nach einer To-Do-Liste abarbeiten, ein paar Fotos machen, ein paar Alibi-Schritte gehen, um ein besonders tolles Motiv zu finden. Mag sein, dass ich jetzt viele Menschen, die nicht so gut zu Fuß sind wie ich, vor den Kopf stoße. Es ist nicht die Art des Reisens, wie ich sie mir vorstelle. Ich muss das Land, in dem ich bin, fühlen.






ICH.

MUSS.

ES.

FÜHLEN!


Mit jeder Faser meines Körpers, mit jedem Regentropfen, jeder Windböe, jedem Sonnenstrahl im Gesicht. Mit schmerzenden Gliedern und nassen Klamotten am Leib. Nur, wenn das Dasein auf dessen reine Essenz reduziert ist, fühlt man wirklich.


Ich lasse mich auf einen großen Stein sinken und atme mehrmals tief durch. Dann bricht es ohne Vorwarnung aus mir heraus.


Wenn du am Ende deines Weges nicht weinst, dann bist du ihn nicht gegangen.

1 Comment


petersmolny8
Sep 08, 2023

Hallo Ted. Vielen lieben Dank für deine tollen Geschichten mit Gefühlen und und Gedanken.

Liebe Grüße Peter 😊

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